"Heimat als Währung"

Tourismus braucht Heimat-Klischees

Klischees seien die „einfachste Art der Sprache“. Gängige Heimatbilder müssen nach Aussagen von Buchautorin Elsbeth Wallnöfer allerdings der Realität entsprechen.

Dienstag, 23.04.2019, 11:19 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
junge Frau im Dirndl schaut auf Alpenlandschaft

Die Österreicher ein Volk von Dirndl- und Lederhosenträgern in unberührter Natur, die am liebsten Schuhplatteln, Walzertanzen und Schnitzel essen? Doch in jedem Klischee steckt bekanntlich ein Körnchen Wahrheit. (© fotolia.com/fotogestoeber)

Der österreichische Tourismus braucht Klischees wie Wiener Schnitzel, Dirndl, Schuhplattler, Lippizaner, Berge und Seen. Gängige Bilder von Heimat seien eine „gut funktionierende Währung“. Es sei allerdings wichtig, dass diese Bilder auch der Realität entsprechen. Denn im Tourismus seien Klischees auch Versprechen. Wenn diese nicht gehalten werden können, müsse man auf andere Bilder setzen, sagt die Tiroler Volkskundlerin und Buchautorin Elsbeth Wallnöfer, die beim Tourismusforum im Rahmen der Europäischen Toleranzgespräche am 5. Juni in Villach zu Gast sein wird.

„Klischees funktionieren, weil sie die einfachste Art der Sprache sind“, meint Wallnöfer im Gespräch mit pressetext. Weil der Tourismus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sei und vielen Menschen zu einem Einkommen verhelfe, sei es wichtig, durch diese Sprache ein bestimmtes Bild zu vermitteln. Allerdings müsse man dieses Bild auch immer wieder kritisch hinterfragen. „Entsprechen die Klischees noch der Lebenswirklichkeit? Finde ich das vor, was mir versprochen wurde?“, gibt Wallnöfer zu bedenken. Wenn das nicht mehr der Fall sei, müssten Gäste und Touristen anders angesprochen bzw. beworben werden.

Verantwortungsbewusstsein nötig
Wallnöfer sieht den Tourismus als kommerziellen Handel mit der eigenen Lebenswelt, der Heimat. Sie sieht dabei aber nicht unbedingt ein Problem: „Heimat ist nun mal eine Währung. Die Heimat ‚verkaufen‘ bedeutet nur, dass es eine Summe von Menschen gibt, die ein Geschäft mit ihrer eigenen Lebenswelt machen“, erklärt die Volkskundlerin. Es sei aber für die Tourismusmacher wichtig, verantwortungsbewusst mit der Heimat umzugehen. Zu viele Betreiber würden nur auf die „buchhalterische Bilanz“ achten und nicht auf die Lebenswelt, warnt Wallnöfer. Sie sollten mehr an die mittel- und langfristige Erhaltung ihrer Umwelt denken, um auch in Zukunft Heimat als wertvolles Gut präsentieren zu können.

Überraschend: Die Autorin sieht manche Klischees über Österreich durchaus positiv. Jedes Jahr kommen Touristen aus aller Welt, weil Österreich für unberührte Natur steht. Qualität sei ein Alleinstellungsmerkmal der Währung österreichische Heimat. Aber Überkommerzialisierung im Tourismus schade dieser Qualität. „Wir müssen über eine neue Bescheidenheit diskutieren, sowie die Frage nach den Konsequenzen der Demokratisierung des Reisens, also jedes Reiseziel für möglichst viele gleich attraktiv werden zu lassen“, meint Wallnöfer.

Positives Heimatbild bedroht
Nur durch die verantwortungsvolle Nutzung der Ressourcen und den Schutz der Umwelt kann das Klischee der unberührten Natur erhalten bleiben. Wallnöfer zufolge ist das positive Heimatbild in Österreich gegenwärtig von maßlosen wirtschaftlichen Interessen bedroht. „Grund und Boden werden nicht als natürliche Lebenswelt erfahren, sondern als finanzpolitische Größe, deren Kräften jeder Einzelne ohnmächtig ausgeliefert ist. Industrie und Infrastruktur werden als Umweltbedrohung erlebt“, kritisiert Wallnöfer. Die Menschen hätten das Gefühl, die sie umgebende, natürliche Welt gehöre nicht mehr ihnen. Überall lauere ein „Spekulant“. Verschiedene Aspekte von Wirtschaft und Kultur müssten neu diskutiert werden, wie zum Beispiel die unbeschränkte Personenfreizügigkeit und deren Folgen. (pte/CK)

 

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