Kommentar

Guter Geschäftssinn oder Abzocke?

In Berlin explodieren während der ITB die Hotelpreise. Steigerungen von mehr als 300 Prozent sind plötzlich Realität. Aber welche Preiserhöhung ist dem Gast gegenüber argumentierbar?

Mittwoch, 20.02.2019, 10:18 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
ITB Berlin 2018, Eingang Nord

Die ITB sorgt regelmäßig für volle Hotels in Berlin – gut für deren Auslastung und vor allem Umsatz. (© Messe Berlin)

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Und wenn die Nachfrage nach einer Ware hoch ist, deren Verfügbarkeit aber begrenzt, steigt eben auch der Preis. Soweit die Weisheit einer Binse aus der ersten Stunde einer Volkswirtschafts-Vorlesung. Auch in deutschen Hotels ist dieses Wissen wohl kein Geheimnis. Regelmäßig schießen dort in den Städten bei großen Veranstaltungen wie Anuga, Internorga, etc. die Zimmerpreise durch die Decke. (Weit mehr zum Beispiel als bei Großveranstaltungen in Österreich.) Demnächst wohl auch im Zuge der ITB in Berlin, wo einzelne Hotels im Umfeld des Messegeländes im Vergleich zu Normalzeiten einen satten Aufschlag von bis zu 365 Prozent verlangen. Ein Zimmer also statt um 100 um 365 Euro? Der Markt gibt es offenbar her, mag man jetzt argumentieren und gerade in der Hotellerie sind Saisonpreise das Selbstverständlichste der Welt. So oft brummt der Laden außerdem vielleicht ohnehin nicht, sodass man dumm wäre, die Gunst der Stunde nicht zu nutzen.

Finanzieller vs. Imagegewinn
Stimmt alles, bloß wo liegt die Grenze? Normalerweise schwanken Saisonpreise bei Hotels um 30 bis 50, in Ausnahmefällen vielleicht um 100 Prozent. Aber die gleiche Leistung, die heute mit 100 Euro angeschrieben ist, kostet morgen mehr als das Dreieinhalbfache? Venezolaner mögen dabei vielleicht gelangweilt mit den Achseln zucken, Mitteleuropäern könnte angesichts dieser Preispolitik aber der Schreck in die Glieder fahren. Und – Messe hin oder her – es bleibt zu vermuten, dass Preis und Leistung in einigen Hotels dann nicht mehr ganz zusammenpassen und man kopfschüttelnde Gäste riskiert, die in das betreffende Hotel (oder die ganze Hotelkette) freiwillig nie mehr einen Fuß setzen. Bleibt also die Frage, was höher zu bewerten ist: ein kurzfristiger finanzieller – oder ein langfristiger Imagegewinn.

Eine Maß Bier um 30 Euro?
Umgelegt auf die Gastronomie: Man kann mit Sicherheit günstiger Bier trinken als auf dem Oktoberfest. Um die elf Euro hat die Maß 2018 gekostet, umgelegt auf eine Halbe wären das 5,50 Euro und damit etwa ein Drittel mehr als ein durchschnittlicher halber Liter Bier in einem normalen Wirtshaus. Bei einer ähnlichen Preispolitik wie in Berlin würde die Maß aber plötzlich bis zu 30 Euro kosten – was dem Erfolg dieser Veranstaltung doch etwas abträglich sein könnte.

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