Interview

Christian Schmidt: „Unkonventionelles Denken ist der Schlüssel zum Erfolg“

Christian Schmidt
Christian Schmidt, General Manager des Holiday Inn Lübeck (Foto: © Kauffmann Studios)
Christian Schmidt entspricht nicht dem Klischee eines Hoteldirektors. Statt den üblichen Weg zu gehen, setzt er auf unkonventionelles Denken. Im Interview spricht der Hoteldirektor des Holiday Inn Lübeck über seine Wege zu einem zufriedenen Team und das Geheimnis seines Erfolges.
Dienstag, 22.08.2023, 15:59 Uhr, Autor: Sarah Kleinen

Federnder Gang, locker gekleidet und mit einem Lächeln auf seinem Drei-Tagebart-Gesicht kommt Christian Schmidt, General Manager des Holiday Inn Lübeck, zum Interview. Der erste Eindruck will nicht so recht zum tradierten, eher zugeknöpften Image von Hoteldirektoren passen. 

Herr Schmidt, Jeans, Ringelhemd, Sneaker und Sport-Jacket – Sie entsprechen so gar nicht der klassischen Vorstellung eines Hoteldirektors. Wie kommt das?

Die Zeiten, in denen Hoteldirektoren zugeschnürt im schwarzen Anzug, Schlips und Kragen durchs Hotel stolzieren, sind schon lange Zeit vorbei – zum Glück. Denn ein lockeres Outfit und Auftreten nimmt den Mitarbeitern die Ängste, offen und ehrlich zu kommunizieren. Doch das ist die Basis, auf der ein gutes Arbeitsverhältnis aufgebaut wird.

Als Hoteldirektor haben Sie bereits jahrelang Erfahrung. Was hat Sie in der Rückschau besonders geprägt? 

Mir sind auf meinem Weg bis heute fantastische Menschen begegnet, mit denen ich meine Vorstellungen von Hotellerie umsetzen konnte. Auch wenn sich Hürden ergeben, hat mich das nie aufgehalten. Nicht umsonst lautet mein Lebensmotto: Inmitten von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten. Das ist auch die Einstellung, die ich versuche weiterzugeben.

Das ist ein gutes Stichwort. Sie sind bekannt dafür, dass Ihnen vor allem die Aus- und Weiterbildung Ihres Teams am Herzen liegt.

Im Hotelfach steht einem die Welt offen, das ist ein Privileg – wie ich finde. Meine Mitarbeiter möchte ich dafür bestmöglich rüsten. Daher habe ich beispielsweise auch im Lockdown die Ausbildung unserer Auszubildenden im geschlossenen Hotel fortgeführt. Da haben wir uns selbst als Gäste an die Tische gesetzt, damit die jungen Talente ihr neu erworbenes Wissen testen konnten. In dieser Zeit haben wir zum Beispiel auch gemeinsam Lounge-Möbel aus Paletten gebaut, einen Kräutergarten in ausrangierten Badewannen angelegt und ein Insektenhotel geschaffen. Keine Idee war dabei zu verrückt, als dass sie nicht besprochen und wenn möglich umgesetzt wurde. So hat sich in der Krise ein Team entwickelt, das heute sprichwörtlich durch dick und dünn geht. In meinen Augen ist generell unkonventionelles Denken der Schlüssel zum Erfolg. Dies versuche ich auch als Landesausbildungswart des Dehoga SH oder bei meiner Arbeit für den Vorstand des Dehoga Lübeck zu vermitteln.

Dies ist sicher ein erster Schritt, dem Fachkräftemangel zu begegnen, obwohl Sie schon mehrfach etwas provokativ behauptet haben, dass es ihn in der Hotellerie nicht gibt. 

Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir auf offene Ausbildungsplätze nahezu hundert Bewerbungen bekommen haben. Dies ist lange vorbei und jeder Mensch mit einem gewissen Interesse an der Zukunft hätte das Problem kommen sehen und sich darauf vorbereiten können. Mancher meiner Kollegen, der sich beschwert, keine Fachkräfte zu finden, bezeichnet die Suche aber auch als zu „anstrengend“ und ist nicht gewillt, selbst auszubilden. Wir brauchen uns daher nicht zu wundern, dass wir keine Fachkräfte in der Gastro oder in den Hotels haben, wenn nur noch wenige Betriebe in guter Qualität ausbilden. Natürlich habe auch ich dann und wann mal eine Stelle frei, jedoch lege ich viel Wert darauf, Menschen auszubilden. Wir übernehmen fast jedes Jahr einige unserer ausgelernten Azubis und entwickeln andere junge Fachkräfte in andere Bereiche oder Destinationen weiter.

Früher wurden Anzeigen geschaltet. Wie finden Sie denn heutzutage Ihren Nachwuchs für das Hotel?

Natürlich reicht es heute nicht mehr, eine Stellenausschreibung in der Zeitung oder auf einer der bekannten Online-Plattformen zu schalten. Daher besuche ich regelmäßig gemeinsam mit meinem Ausbilder-Team die Schulen in der Nachbarschaft oder wir laden Klassen im Rahmen der Berufsorientierung in unser Haus ein. Innerhalb von ein bis zwei Unterrichtsstunden bringen wir den jungen Menschen die gastronomischen Berufe und Karrieremöglichkeiten näher. Aus diesen Anstrengungen resultieren Schülerpraktika in unserem Haus und auch Ausbildungsverträge. Weiterhin ist es wichtig, die jüngeren Generationen dort abzuholen, wo sie sich viel aufhalten: Social Media ist das Zauberwort. So machen wir schon seit langem mit lustigen Videos und Posts auf uns aufmerksam. Immer wieder bewerben sich junge Menschen daraufhin bei uns und erzählen im Vorstellungsgespräch, dass sie uns auf Instagram gesehen haben.

Wer sich mit Ihrem Team beschäftigt, dem fällt auf, dass es kaum eine Fluktuation gibt. Wie würden Sie ihren Führungsstil beschreiben?

Ich sehe mich intern nicht als Direktor, eher wie der Trainer eines Fußballteams. Mein Ziel ist es, die Interessen meiner Mitarbeiter zu fördern und sie bei der Erreichung ihrer persönlichen Ziele zu unterstützen. Ebenso wichtig sind der Teamspirit und der Spaß an der Arbeit. Dies alles ist der Garant für eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit, starke Loyalität zum Betrieb und eine geringe Fluktuation. Daher bieten wir neben einer fairen Bezahlung auch eine Vielzahl verschiedener Benefits, die für jeden aus dem Team das Passende bereithält – von kostenfreien Sportangeboten über Spa-Behandlungen bis hin zum eigenen Kräutergarten auf dem Hotelgrundstück.

Sind Sie bei Ihrem sicherlich zeitintensiven internen Engagement auch außerhalb des Hotels präsent?

In Lübeck bin ich bestimmt mittlerweile ein „bunter Hund“. Denn ich mische mich gerne ein. Sicherlich gibt es kaum ein Gremium in der Stadt, wo ich mich nicht einbringe. So bin ich beispielsweise im Vorstand des Lübeck Management und im IHK-Wirtschaftsbeirates der Stadt Lübeck vertreten. Sicher fragen sich manche, warum ich das mache und ob ich nicht genug als Hoteldirektor zu tun habe? Diesen Menschen antworte ich dann, dass man nur gemeinsam erfolgreich ist und ein Netzwerk starker Partner alles erreichen kann. So engagieren wir uns auch für die Künstler-Szene in unserer Stadt, unterstützen Vereine wie den VfB Lübeck oder Phönix Lübeck, den Lokalmatador und Box-Champion John Bielenberg oder charitative Institutionen. In meinen Augen hat gerade die Corona-Zeit verdeutlicht, dass wir füreinander da sein müssen und so der Zusammenhalt in unserer Stadtgesellschaft gestärkt wird. Dann erhält Lübeck neue Strahlkraft und wird einen wirtschaftlichen Aufwärtstrend verzeichnen – in allen Bereichen.

Nachhaltiges Handeln ist derzeit in aller Munde. Welchen Stellenwert hat die Thematik für Sie persönlich?

Als Vater von zwei kleinen Kindern rückt das Thema Nachhaltigkeit immer mehr in meinen Fokus und ich möchte, dass wir künftigen Generationen eine lebenswerte, artenreiche und sichere Welt hinterlassen. So habe ich mich für umfangreiche Umbauten im Hotel stark gemacht. Denn Grün ist mehr als die Farbe unseres Logos, es ist unsere Verantwortung und mittlerweile Teil unserer DNA.

Können Sie uns einige Beispiele dafür nennen?

Die Veränderungen in unserem Haus ziehen sich von den ganz großen Neuerungen wie den Solarpaneelen auf dem Hoteldach bis hin zu den kaum wahrnehmbaren wie der Umstellung auf LED-Beleuchtung, durch die wir rund 70 Prozent weniger Energie verbrauchen. Vieles läuft aber auch für den Gast nicht wahrnehmbar im Verborgenen ab. Beispielsweise identifiziert eine Waage in der Küche, über ihre eingebaute Kamera und eine Software, ob Lebensmittel verschwendet werden. Anderes ist aber durchaus „greifbar“, wie die neuen umweltfreundlichen, FSC-zertifizierten Holzschlüsselkarten aus Buche oder die recycelbaren Alternativen zu Plastikstrohhalmen oder Kugelschreibern. Doch fast noch wichtiger ist für mich persönlich, die Veränderung des Denkens. So trägt jeder im Team den grünen Wandel mit. Manche gehen sogar so weit, dass sie – von uns unterstützt – ihr eigenes Gemüsehochbeet am Hotel pflegen. Damit sind wir sicher gut aufgestellt. Daher haben wir uns auch als einer der Ersten am Prozess, der unlängst erfolgten „TourCert“- Zertifizierung der Stadt Lübeck beteiligt, um mit unserer Expertise als Vorreiter für andere Unternehmen zu agieren und ihnen den ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu erleichtern. Denn nachhaltiges Reisen ist das prägende Thema der kommenden Jahre und wir müssen daher jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen.

(Claudia Wingens/SAKL)

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