Nach DFB-Aus: Lohnt sich Public Viewing jetzt noch?
Für viele Fußballfans in Deutschland ist die WM 2026 früher vorbei als erhofft: Die deutsche Nationalmannschaft ist am 29. Juni gegen Paraguay ausgeschieden. Nach 120 Minuten stand es 1:1, die Entscheidung fiel im Elfmeterschießen.
Für Kneipen, Bars, Restaurants und Biergärten, die mit weiteren Public-Viewing-Angeboten geplant haben, verändert das die Ausgangslage. Denn Spiele der deutschen Nationalmannschaft sind für die hiesige Gastronomie meist die stärksten Umsatztreiber eines Turniers. Sie bringen auch Gäste in Betriebe mit Public Viewing, die sonst nicht jedes WM-Spiel verfolgen.
Mit dem DFB-Aus stellt sich nun die Frage: Welche Partien lohnen sich überhaupt noch – und wann ist der Aufwand größer als der Ertrag?
„Eine späte WM-Partie ist nicht einfach ein zusätzlicher Umsatzabend“
Lorenz Strasser, Gründer und Geschäftsführer der Pentacode AG, kennt die Branche aus eigener Erfahrung. Bevor er das Unternehmen gründete, war er 23 Jahre lang selbst Gastronom. Aus seiner Sicht ist das deutsche Ausscheiden ein guter Anlass, die eigene gastronomische WM-Planung noch einmal kritisch zu prüfen – vor allem mit Blick auf die späten Anstoßzeiten.
„Eine späte WM-Partie ist für einen Gastronomiebetrieb nicht einfach ein zusätzlicher Umsatzabend“, sagt Strasser. „Sie macht aus einem regulären Betrieb für einige Stunden einen Nachtbetrieb mit anderen Anforderungen an Personal, Abläufe, Kalkulation und Belastbarkeit.“
Entscheidend sei daher nicht allein, wie viele Menschen ein Spiel sehen wollen, sondern ob aus dieser Nachfrage nach allen Zusatzkosten und Folgen für das Team tatsächlich ein wirtschaftlich sinnvoller Abend wird.
Nach dem DFB-Aus wird Public Viewing zur Rechenfrage
Schon vor dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft hatten die späten Anstoßzeiten viele Betriebe vor Herausforderungen gestellt. Spiele am späten Abend oder in der Nacht sind für Gastronomen schwerer zu kalkulieren als Partien zur klassischen Feierabendzeit.
Nach dem DFB-Aus dürfte die Nachfrage nun noch stärker von der jeweiligen Begegnung, der Gästestruktur und dem Standort abhängen. Strasser hält es deshalb für falsch, Public Viewing pauschal fortzuführen, nur weil die Technik steht oder bereits einige WM-Abende stattgefunden haben. Entscheidend sei nicht, ob noch Fußball gespielt wird, sondern ob ein Betrieb aus einzelnen Spielen tatsächlich einen wirtschaftlich sinnvollen Abend machen kann.
„Ein voller Betrieb ist noch kein erfolgreicher Betrieb“, sagt Strasser. „Entscheidend ist der zusätzliche Ertrag, nicht allein der zusätzliche Umsatz.“ Damit meint er: Wer länger öffnet, braucht zusätzliches Personal, muss Einkauf, Reinigung, Technik und mögliche Belastungen am Folgetag berücksichtigen. Gerade wenn die große Deutschland-Euphorie wegfällt, sollten Betriebe genauer rechnen, welche Partien noch ausreichend Zugkraft haben.
Nicht jedes Spiel muss gezeigt werden
Für viele Betriebe dürfte nach dem deutschen Aus gelten: Weniger ist mehr. Public Viewing kann weiterhin funktionieren – etwa bei K.o.-Spielen mit Top-Nationen, emotional aufgeladenen Duellen, Partien mit vielen Fans vor Ort oder in Betrieben mit internationalem Publikum. Ein Fußball-Pub, eine Sportsbar oder ein Hotel mit Gästen aus den noch vertretenen Nationen hat andere Voraussetzungen als ein klassisches Restaurant mit ohnehin knapper Personaldecke.
Strasser rät deshalb davon ab, das gesamte restliche Turnierprogramm automatisch mitzunehmen. Professioneller sei es, gezielt auszuwählen. „Die richtige Entscheidung lautet nicht immer: Wir zeigen jedes Spiel“, sagt der Pentacode-Gründer. „Manchmal ist es wirtschaftlich klüger, nur ausgewählte Partien zu übertragen oder ein kleineres, gut kontrollierbares Format zu wählen.“
Sein Fazit: „Weniger Spiele, dafür professionell organisiert, können erfolgreicher sein als ein komplettes Turnierprogramm.“
Die Nachfrage hängt jetzt stärker vom Publikum ab
Dabei sollten Gastronomen ihre Gästestruktur besonders genau betrachten. Gibt es im Umfeld viele Fans bestimmter Nationalteams? Kommen regelmäßig internationale Gäste? Gibt es eine Stammkundschaft, die Fußball unabhängig von Deutschland verfolgt? Oder war das Public Viewing bisher vor allem auf die deutsche Mannschaft ausgerichtet?
Je nach Antwort kann die Strategie unterschiedlich ausfallen. Für manche Betriebe kann es sinnvoll sein, einzelne Topspiele weiterhin offensiv zu bewerben. Andere fahren besser damit, Fußball nur noch begleitend laufen zu lassen, ohne Personal und Angebot auf ein großes Eventformat auszurichten.
Wichtig ist laut Strasser, die Entscheidung nicht aus dem Bauch heraus zu treffen. Betriebe sollten für jedes relevante Spiel eine kurze Kalkulation erstellen: erwartete Gästezahl, zusätzlicher Umsatz, Personalbedarf, Einkauf, Technik, Reinigung und Auswirkungen auf den Folgetag.
Gerade nach dem deutschen Ausscheiden kann sich zeigen, dass ein kleineres Format wirtschaftlicher ist als ein großer Public-Viewing-Abend mit voller Besetzung.
Die größte Belastung entsteht oft nach dem Abpfiff
Ein Punkt bleibt auch ohne deutsche Beteiligung relevant: Späte K.o.-Spiele können sich verlängern. Nachspielzeit, Verlängerung oder Elfmeterschießen machen den Abend unplanbarer. Danach wollen Gäste häufig noch bleiben, weiterbestellen, feiern oder diskutieren. Der Betrieb muss dann gleichzeitig Service, Ausschank, Sicherheit, Reinigung und den geordneten Abschluss organisieren.
„Die größte Herausforderung ist eher nicht der Anpfiff selbst, sondern die Zeit danach“, betont Strasser.
Für Betriebe bedeutet das: Es reicht nicht, nur den Spielbeginn zu planen. Auch die Phase nach dem Abpfiff muss organisiert sein. Wer bleibt bis zum Schluss? Wer übernimmt Kasse, Bar, Küche, Reinigung und Schließung? Wann endet der Ausschank? Wie lange bleibt die Küche geöffnet? Und was passiert, wenn ein Spiel deutlich länger dauert als erwartet? Gerade diese Punkte entscheiden darüber, ob ein Public-Viewing-Abend für Team und Betrieb machbar bleibt.
Personalplanung: Sonderabend statt verlängerte Normalschicht
Aus Strassers Sicht ist daher einer der häufigsten Fehler, einen Fußballabend einfach an eine normale Schicht anzuhängen. Für die Mitarbeiter sind zusätzliche zwei oder drei Stunden am Ende eines langen Tages nicht nur eine Verlängerung, sondern ein anderer Arbeitstag. Wer bis weit nach Mitternacht geöffnet hat, muss zudem berücksichtigen, dass viele Mitarbeiter am nächsten Morgen nicht wieder uneingeschränkt eingeplant werden können.
Besser sei es, solche Abende wie kleine Sonderveranstaltungen zu planen: mit Vorbereitungsschicht, Event- oder Serviceschicht und einer realistisch besetzten Closing-Schicht. „Wer alles unverändert lässt, erhöht unnötig das Risiko von langen Wartezeiten, unzufriedenen Gästen und überlasteten Mitarbeitern“, betont Strasser.
Besonders wichtig seien Vertretungen für Schlüsselpositionen wie Schichtleitung, Bar, Küche und Kasse. Wenn dort eine Person kurzfristig ausfällt, dürfe nicht der gesamte Abend instabil werden.
Nach einem späten Spiel sollte außerdem nicht dieselbe Kernmannschaft am nächsten Morgen wieder früh eingeplant werden. Gute Planung betrachtet deshalb nicht nur den Abend selbst, sondern auch den Folgetag.
Überlastung darf nicht der Preis für Zusatzumsatz sein
Viele Betriebe kämpfen ohnehin mit Personalmangel. Zusätzliche Spät- oder Nachtdienste dürfen laut Strasser deshalb nicht stillschweigend vorausgesetzt werden. Wer sein Team nach dem DFB-Aus weiter für Public Viewing einplant, sollte Verfügbarkeiten transparent abfragen und Belastungen fair verteilen.
Die Grenze sei erreicht, wenn ein Abend nur noch über Überstunden, Notbesetzungen oder dauerhafte Mehrbelastung möglich werde. „Dann ist die Umsatzchance häufig zu teuer erkauft“, warnt Strasser.
Gerade in einer Branche mit Fachkräftemangel sollte kein Betrieb kurzfristige Erlöse gegen langfristige Erschöpfung, Unzufriedenheit oder höhere Ausfallrisiken eintauschen. Das gilt nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft umso mehr: Wenn die erwartete Nachfrage sinkt, muss auch der Personaleinsatz angepasst werden.
Angebot vereinfachen, Erwartungen klar steuern
Neben der Personalplanung spielt das operative Konzept eine zentrale Rolle. Ein umfangreiches À-la-carte-Angebot kann bei hoher Frequenz und engem Personal schnell zum Problem werden. In vielen Fällen ist ein reduziertes, schnell produzierbares und gut kalkulierbares Speisenangebot die bessere Lösung.
Auch beim Einkauf sollten Betriebe nicht nur Mengen, sondern auch Geschwindigkeit mit einplanen. Getränke, Eis, Gläser, Servietten, Reinigungsmaterial und Speisen müssen so vorbereitet sein, dass das Team während des Spiels nicht unnötig Zeit verliert. Gerade bei hoher Frequenz sind einfache Abläufe wichtiger als maximale Auswahl. Auch Getränkestationen und eine einfache Zahlungsabwicklung können helfen, den Abend ruhiger und wirtschaftlicher zu steuern.
Gleichzeitig sollten Betriebe offen kommunizieren, was Gäste erwarten können: Welche Spiele werden noch gezeigt? Ist eine Reservierung notwendig? Gibt es ein spezielles Angebot? Wie lange ist die Küche geöffnet? Wann schließt der Außenbereich?
„Wer diese Erwartungen frühzeitig steuert, reduziert Konflikte am Abend erheblich“, sagt Strasser.
Arbeitszeiten und Genehmigungen im Blick behalten
Darüber hinaus müssen Betriebe Arbeitszeiten, Pausen und Ruhezeiten beachten. Das gilt besonders bei späten Spielen, kurzfristigen Dienstplanänderungen oder verlängerten Öffnungszeiten.
Arbeitszeiten müssen korrekt erfasst, Pausen tatsächlich ermöglicht und Ruhezeiten zwischen zwei Einsätzen in die Planung einbezogen werden. Zusätzlich können Arbeitsverträge, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen oder Mitbestimmungsrechte eine Rolle spielen.
Bei Veranstaltungen im Außenbereich kommen je nach Standort weitere Punkte hinzu: Lärm, Sperrzeiten, Sondernutzung, Sicherheit sowie Übertragungs-, Veranstaltungs- und Musikrechte sollten rechtzeitig geklärt sein.
Drei Sofortmaßnahmen nach dem deutschen WM-Aus
Für Betriebe, die ihr Public Viewing nach dem DFB-Aus neu bewerten möchten, empfiehlt Strasser drei Schritte:
- Das restliche Turnierprogramm neu priorisieren: Nicht jedes Spiel muss gezeigt werden. Entscheidend ist, welche Begegnungen für die eigene Zielgruppe noch echte Nachfrage erzeugen.
- Für relevante Spiele eine eigene Kurzrechnung erstellen: Erwartete Gästezahl, zusätzlicher Umsatz, Personal, Einkauf, Technik, Reinigung und Auswirkungen auf den Folgetag gehören in eine ehrliche Kalkulation.
- Personal und Angebot an die neue Nachfrage anpassen: Wer nach dem DFB-Aus mit weniger Gästen rechnet, sollte auch Schichten, Speisenangebot, Reservierungen und Kommunikation entsprechend justieren. Der Abend sollte wie eine kleine Sonderveranstaltung geplant werden – mit klaren Schichten für Vorbereitung, Service und Closing sowie Vertretungen für Schlüsselpositionen. Angebot und Kommunikation sollten vereinfacht werden.
Strassers Fazit: Public Viewing kann sich auch nach dem deutschen Ausscheiden lohnen – aber nicht um jeden Preis. „Ein klar geführter, realistisch geplanter Abend ist für Gäste angenehmer, für das Team machbarer und für den Betrieb meist auch wirtschaftlicher“, betont Strasser abschließend.
(Pentacode/SAKL)