Corona-Krise

„Lieferservice rettet uns nicht“

Seit mehr als fünf Monaten ist die Gastronomie nun geschlossen, die Reserven sind vielerorts aufgebraucht. Das die Politik dennoch nicht auf die Vorschläge der Branche eingeht, ist für Wiesn-Wirt Christian Schottenhamel nicht verständlich.

Freitag, 16.04.2021, 11:56 Uhr, Autor: Natalie Ziebolz
Christian Schottenhamel

Christian Schottenhamel, Gastronom und Wiesnwirt sowie Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga Bayern). (Foto: © picture alliance / SZ Photo | Robert Haas)

Seit Monaten steht die Gastronomie still. Nun hat unter anderem Bayern auch noch den Lockdown bis zum 9. Mai verlängert. Eine Perspektive, wann Öffnungen möglich sein könnten, gibt es nicht. Hinzu kommt die Bundes-Notbremse, die eine Ausgangsbeschränkung für Regionen mit einer Inzidenz über 100 vorsieht und weiter auf die Schließung der meisten Läden, Freizeit- und Kultureinrichtungen sowie der Gastronomie beharrt.

Keine Öffnungsperspektive trotz Hygienekonzept

Unter den Betroffenen: Christian Schottenhamel, Wiesn-Wirt und Betreiber mehrerer Restaurants ins München. Wie viele seiner Kollegen wartet er bisher vergeblich auf eine Öffnungsperspektive. „Und das, obgleich unsere Branche bereits zahlreiche ausgefeilte Hygienekonzepte vorgelegt hat“, kritisiert Schottenhamel gegenüber Focus Online. Dass die Politik bisher nicht auf Vorschläge eingeht, sei enttäuschend. „Wir mussten wie viele andere in unserer Branche einen Kredit aufnehmen, unsere Reserven sind aufgebraucht“, erklärt er.

„Sündenbock eines verfehlten Corona-Managements“

Schottenhamel, der auch Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands ist, berichtet zudem von der Verzweiflung, die mittlerweile in der Branche herrscht. Besonders belastend sei die Planlosigkeit: „Das Hin und Her der vergangenen Wochen ist weder nachvollziehbar noch schafft es Vertrauen in die Politik oder hilft uns, unseren Mitarbeitern gegenüber verlässlich kommunizieren zu können“, sagt er dem Portal und fügt hinzu: „Die Gastronomie ist der Sündenbock eines verfehlten Corona-Managements.“ Staatliche Hilfen seien zwar inzwischen bei vielen Restaurants angekommen und auch die Kurzarbeit entlaste, doch der finanzielle Druck auf die Eigentümer wachse von Tag zu Tag weiter.

Überbrückungshilfe III muss nachgebessert werden

Das unterstreichen auch aktuelle Umfragewerte des Branchenverbandes: 25 Prozent der Befragten ziehen „ganz konkret“ eine Betriebsaufgabe in Betracht, 75 Prozent bangen um ihre Existenz. Besonders angespannt sei die Lage der Gastronomen in den Wintersportgebieten, so der Wiesn-Wirt. Für sie sei das Jahr bereits gelaufen. Doch auch für die restlichen Restaurants seien die Umsatzverluste nur noch schwer aufzuholen. Daher müsse die Überbrückungshilfe III nun dringend nachgebessert werden, meint Schottenhamel. Ähnlich wie die November- und Dezemberhilfe sollte sie gestaltet werden. „Selbst bei einer Wiedereröffnung im April oder Mai werden wir im ersten Schritt nicht mehr, sondern vermutlich weniger Tische anbieten können, sodass wir auch dann mit geringeren Umsätzen rechnen müssen. Wir können die „Nicht-Verkauften-Essen“ leider zu einem späteren Zeitpunkt nicht zweimal verkaufen.“

Krise ist keine Chance für Gastronomie

Dass die Krise für die Gastronomie auch eine Chance biete, sieht Schottenhammel nicht. Für seine eigenen Restaurants habe er bereits über neue Geschäftsmodelle nachgedacht, beispielsweise über Kochboxen. Ein „funktionierender Business Case“ habe sich für ihn aber noch nicht ergeben. „Und auch das Thema To Go-Produkte und Lieferservice, auf das immer wieder verwiesen wird, rettet uns und die gesamte Branche nicht. Das funktioniert höchstens als Beschäftigungsmaßnahme für unsere Mitarbeiter, um sie bei der Stange zu halten, damit sie langfristig nicht in andere Branchen abwandern“, ergänzt Schottenhamel.

(Focus Online/NZ)

 

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