So werden Küchen fit fürs Produkthaftungsgesetz 2026
Am 9. Dezember 2026 tritt das neue Produkthaftungsgesetz in Kraft. Dann gilt auch Software als Produkt, die Haftungsobergrenze bei Personenschäden fällt weg und Geschädigte können Ansprüche leichter durchsetzen. Für Küchenbetriebe gewinnen damit nachvollziehbare Abläufe und belastbare Nachweise an Bedeutung.
Ob Gerätesteuerung, Kühlung, Garprozesse oder Rezepturen: Digitale Systeme können im Schadensfall haftungsrechtlich ins Gewicht fallen. Gleichzeitig helfen sie, Prozesse zu dokumentieren und Lebensmittelsicherheit nachvollziehbar zu belegen. Anna Janßen von Chefs Value ist auf komplexe IT-Projekte und Systemlandschaften spezialisiert. Im Interview erklärt sie, welche Küchenprozesse besonders haftungskritisch sind und worauf Betriebe achten sollten.
Warum rücken nun auch digitale Prozesse durch die neue EU-Produkthaftungsrichtlinie stärker in den Fokus?
Die bisherige Produkthaftungsrichtlinie stammt in ihren Grundzügen aus einer Zeit, in der digitale Systeme, Softwarelösungen oder KI-gestützte Anwendungen im betrieblichen Alltag kaum eine Rolle spielten. Inzwischen haben sich Produktions- und Dienstleistungsprozesse jedoch grundlegend verändert. Auch in den meisten Küchen und Verpflegungsbetrieben werden zentrale Abläufe heute digital gesteuert – und die Tendenz ist aufgrund der aktuellen Herausforderungen der Branche, die ohne digitale Hilfsmittel kaum zu bewerkstelligen sind, steigend.
Die Weiterentwicklung der EU-Produkthaftung trägt diesem Wandel Rechnung. Digitale Komponenten, insbesondere Software, können künftig stärker in die Bewertung von Produkten und Prozessen einbezogen werden, sofern sie Teil der Funktionsweise oder Sicherheit sind. Damit gewinnt nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Art und Weise, wie Prozesse organisiert, gesteuert und dokumentiert werden, an Bedeutung. Betriebe müssen daher zunehmend nachvollziehbar darlegen können, wie digitale Systeme in ihre Abläufe eingebunden sind und wie zuverlässig diese funktionieren.
Wie können Betriebe verhindern, dass Software und Updates zum Haftungsrisiko werden?
Entscheidend ist die Transparenz der eingesetzten Systeme. Betriebe sollten sicherstellen, dass ihre Softwarelösungen nicht nur Prozesse unterstützen, sondern diese auch nachvollziehbar wiederverwenden und dokumentieren. Wichtige Fragen sind dabei: Werden relevante Daten automatisiert und konsistent erfasst? Werden relevante Daten automatisch wiederverwendet oder ist manuelles Umtragen etc. erforderlich? Welche Informationen werden gespeichert und sind diese im Haftungskontext aussagekräftig? Erfolgt eine strukturierte Archivierung, die auch rückwirkend einen Zugriff ermöglicht? Lassen sich einzelne Prozessschritte eindeutig nachvollziehen?
Auch der Umgang mit Systemänderungen ist relevant. In der Praxis zeigt sich, dass ein erfahrener und verlässlicher Softwarepartner eine wichtige Rolle spielt, indem er Updates und Anpassungen begleitet und sicher umsetzt. So bleiben Prozesse nachvollziehbar und unter Kontrolle. Ziel ist es, digitale Systeme als transparente Werkzeuge zu nutzen – nicht als schwer nachvollziehbare „Black Box“.
Welche digitalen Prozesse in Küchen sind aus Ihrer Sicht besonders haftungskritisch? Wo sehen Sie aktuell die größten Schwachstellen für Haftungsfälle in der Praxis?
Haftungskritisch sind vor allem Prozesse, bei denen Fehler direkte Auswirkungen auf die Sicherheit von Gästen oder Bewohnern haben können. Dazu zählen insbesondere Allergenmanagement und Kennzeichnung, HACCP-relevante Kontroll- und Dokumentationsprozesse sowie Produktions- und Ausgabeprozesse.
In der Praxis zeigen sich Schwachstellen häufig dort, wo Prozesse nicht durchgängig strukturiert sind. Besonders kritisch sind die manuelle oder papierbasierte Dokumentation, Medienbrüche zwischen digitalen und analogen Abläufen – oder sogar zwischen den Systemen – und auch eine fehlende oder unvollständige Protokollierung. Diese Faktoren führen dazu, dass Abläufe im Nachhinein nur eingeschränkt nachvollzogen werden können – ein zentraler Nachteil im Haftungsfall.
Welche Rolle spielen Rückverfolgbarkeit und Dokumentation im Haftungsfall?
Rückverfolgbarkeit und Dokumentation sind zentrale Elemente der Beweisführung. Im Haftungsfall geht es nicht nur darum, dass ein Schaden entstanden ist, sondern vor allem darum, wo und wie dieser entstanden sein könnte. Eine strukturierte Dokumentation ermöglicht es Betrieben, ihre eigenen Abläufe transparent darzustellen und ihren Verantwortungsbereich einzugrenzen. So kann beispielsweise nachvollzogen werden, welche Zutaten verwendet wurden, welche Rezeptur zugrunde lag und wie Kennzeichnung und Ausgabe erfolgt sind.
Damit wird es möglich, Prozesse differenziert zu bewerten und potenzielle Fehlerquellen einzugrenzen. Ohne entsprechende Nachweise wird diese Einordnung deutlich schwieriger und die Beweislast kann nicht erfüllt werden.
Welche digitalen Möglichkeiten zur Beweisführung gibt es hier und wie können Prozesse dadurch optimiert werden?
Professionelle digitale Systeme ermöglichen eine systematische und konsistente Erfassung von Prozessdaten als eine Art „Nachweiskette“. Dadurch entstehen strukturierte Datengrundlagen, die sowohl im Alltag als auch im Haftungsfall genutzt werden können.
Typische Möglichkeiten sind die automatisierte Dokumentation von Prozess- und Kontrollschritten, die automatische Datenweitergabe im System, die systemgestützte Kennzeichnung und Allergenverwaltung, die durchgängige Rückverfolgbarkeit entlang der Prozesskette, die digitale Erfassung von HACCP-relevanten Daten sowie die strukturierte Archivierung und Auswertung von Daten.
Neben der Beweisführung tragen diese Systeme auch zur Prozessoptimierung bei. Sie reduzieren manuelle Aufwände, minimieren Fehlerquellen und sorgen für konsistentere Abläufe.
Reicht es, Daten zu haben – oder kommt es auch darauf an, wie schnell und strukturiert sie verfügbar sind?
Das reine Vorhandensein von Daten ist nicht ausreichend. Entscheidend ist, ob diese Daten im Bedarfsfall schnellstmöglich, vollständig und nachvollziehbar zur Verfügung stehen. Im Haftungskontext kommt es darauf an, relevante Informationen kurzfristig abrufen zu können, Daten eindeutig einem Prozess oder Zeitpunkt zuzuordnen sowie Abläufe verständlich und strukturiert darstellen zu können.
Wenn Daten erst aufwendig zusammengesucht oder rekonstruiert werden müssen, verlieren sie an Aussagekraft. Deshalb ist nicht nur die Datenerfassung entscheidend, sondern vor allem deren Struktur, Verfügbarkeit und Auswertbarkeit.
(Chefs Culinar/ SAHO)