Hilferuf der Branche

„Uns geht jetzt endgültig die Luft aus!“

Mitglieder der Initiative Gastgeberkreis, darunter Gastro-Unternehmen wie die Block Gruppe, Hans im Glück oder L’Osteria, senden einen verzweifelten Hilferuf an die Politik und stellen konkrete Forderungen für den Erhalt der Branche.  

Dienstag, 19.01.2021, 14:41 Uhr, Autor: Kristina Presser
verzweifelter Gastronom sitzt in seinem leeren Restaurant/Café/Lokal

Seit mehr als zwei Monaten haben Gastronomiebetriebe in Deutschland geschlossen – Gastronomen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. (Foto: ©master1305/stock.adobe.com)

Die Lage ist dramatisch. „Uns geht jetzt endgültig die Luft aus!“ – so der einheitliche Tenor unter Gastronomen und Gastronomie-Betreibern in Deutschland. Der Gastgeberkreis, eine Brancheninitiative, der auch bereits große Unternehmensgruppen wie die Block Gruppe, Hans im Glück, Nordsee, LeCrobag und L’Osteria angehören, schlägt nun erneut Alarm und fordert Planungssicherheit für eine Perspektive. Die Gastronomie dürfe nicht weiter weit über dem Niveau anderer Branchen belastet werden und brauche schnelle und unbürokratische Hilfe in Form von Entschädigungen zur Existenzsicherung, heißt es in einem offiziellen Schreiben, ansonsten drohe ein Massensterben der Gastronomiebetriebe.

„Wir fühlen uns im Stich gelassen!“

Mirko Silz, CEO bei L‘Osteria und Mitinitiator des Gastgeberkreises ist alarmiert: „Offenbar hat die Politik nur ein Auge auf in Schräglage geratene börsennotierte Konzerne, sieht aber nicht, in welcher Not die Gastronomiebetriebe und Gastronomen stecken. Wir fühlen uns im Stich gelassen.“ Nur ein Bruchteil der Novemberhilfen sei ausgezahlt, die bürokratischen Hürden seien hoch, zudem seien nachträglich die Voraussetzungen für die Unterstützung geändert worden. Seine Forderung an das politische Berlin ist klar: „Die Bundesregierung muss nun schnellstmöglich die Interessen des heimischen Mittelstandes in Brüssel durchsetzen und die Schwellenwerte des EU-Beihilferechtes anheben.“

Im Frühjahr drohen zahlreiche Insolvenzen

Prof. Dr. Torsten Olderog von der AKAD University Stuttgart, einer der Sprecher der Initiative, verdeutlicht die prekäre Situation mit Zahlen: „Das Gastgewerbe in Deutschland hat noch 2019 93,6 Milliarden Euro umgesetzt. Im Corona-Jahr 2020 ist der Umsatz um gut 50 Prozent eingebrochen. Die Lage ist also mehr als dramatisch – wir reden hier von zwei Millionen Beschäftigten, deren Existenz jetzt auf dem Spiel steht, wenn die Politik nicht endlich reagiert.“

Es geht also auch darum, vermeidbare Insolvenzen zu verhindert. Denn diese drohen für viele Betriebe bereits im kommenden Frühjahr, wie der Gastgeberkreis formuliert, allein aufgrund verzögerter Hilfeleistungen. Eine kurzfristige und unbürokratische Entschädigung ist daher einer der Hauptforderungen der Initiative.

Die Forderungen des Gastgeberkreises im Überblick

  1. Die Gastronomie darf nicht weit über dem Niveau anderer Branchen belastet werden. Jede Schließung muss Entschädigungen in Höhe der unverschuldeten Verluste nach sich ziehen.
  • Es geht um die normale Definition von Verlusten – ohne Kleingedrucktes.
  • Es geht nicht um die Entschädigung von entgangenen Gewinnen – sondern um die Sicherung der Existenz.
  1. Die Gastronomie darf nicht am langen Arm verhungern. Die Entschädigungen müssen so unbürokratisch und kurzfristig kommen, dass die Liquidität gesichert bleibt.
  • Steuerberater müssen in der Lage sein, beim Antrag zu unterstützen.
  • Verfahren müssen transparent sein und dürfen nicht dynamisch sein.
  • Örtliche Finanzämter müssen in die Hilfsleistungen eingebunden werden, um schnelle Hilfen zu gewährleisten.
  • Behörden und Finanzämter müssen verlässliche Auskünfte zu Verfahren und Vorgehensweisen geben.
  1. Professionelles Wirtschaften braucht Planungssicherheit – auch in der Gastronomie.
  • Gastronomie braucht Planungssicherheit und Perspektive. Wenn die Wirtschaft wieder hochfährt muss die Gastronomie direkt wieder geöffnet werden. Sie ist nach wie vor der sicherste Ort, um sich zu treffen.
  • Die Gastronomie muss von den Vorleistungen aus dem letzten Sommer profitieren und bei der ersten Öffnungswelle dabei sein.
  • Die Gastronomie darf nicht weiter als unsicherer Ort stigmatisiert werden.

„Endlich wieder ausgehen – aber wohin?“

Die Forderungen richten sich ausdrücklich nicht gegen die erfolgten Maßnahmen im aktuellen Lockdown, teilte die Initiative mit, sondern für den Erhalt der Gastro-Szene: „Es geht nicht nur um die wirtschaftliche Existenz der betroffenen Gastwirte, Kellner und Zulieferer, es geht auch um den Erhalt der gastronomischen Kultur. Was wird denn aus unseren Innenstädten, wenn ein Teil der Gastronomen nicht mehr da sind?“, betonte Clarissa Käfer von der Käfer AG. „Irgendwann werden wir wieder ein normaleres Leben haben, dann braucht es die Gastronomie, um die Lebensqualität in den Städten und Gemeinden wiederherzustellen. Wenn nicht allen zeitnah geholfen werden kann, dann heißt es: Endlich wieder ausgehen – aber wohin?“

Ausblick auf 2021

Um die Gastro-Kultur in Deutschland zu erhalten, müsse die Bundesregierung stärker auf die Besonderheiten dieser Branche eingehen, heißt es weiter. Der Faktor Zeit sei dabei absolut existenziell, denn Mieten und Personalkosten seien im Gastgewerbe überproportional hoch bei oft niedrigen Gewinnmargen. „Es haben zwar 80 Prozent der Gastronomiebetriebe das Angebot der Kurzarbeit in Anspruch genommen, trotzdem musste die Hälfte der Betriebe bereits Mitarbeiter entlassen oder ist nach einer DEHOGA-Umfrage in naher Zukunft dazu gezwungen“, berichtet Stephan von Bülow, CEO der Block-Gruppe, Betreiber von rund 60 Restaurants. „Hinzu kommt der Umstand, dass das Gastgewerbe traditionell auch viele alleinerziehende Mütter in Teilzeit und Menschen ohne abgeschlossene Bildungshistorie oder Studierende als Aushilfskräfte beschäftigt hier greift das Mittel Kurzarbeit einfach nicht wirksam genug. Auch gibt es keine andere Branche, in der die Quote der selbstständigen Unternehmer größer ist.“ Restaurants, Cafés, Caterer bräuchten dringend die zugesagten staatlichen Hilfen, jede Woche Verzögerung richte nachhaltigen Schaden in den Betrieben an – aber auch in der Lebensführung der betroffenen Menschen.
(Gastgeberkreis/KP)

 

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