Lockdown light

„Insolvenzen werden rieseln wie Nadeln vom Weihnachtsbaum“

In Deutschland tobt die Debatte um den verlängerten Lockdown. Kritiker befürchten, dass im kommenden Jahr eine Pleitewelle über Deutschland rollen wird.

Montag, 30.11.2020, 09:59 Uhr, Autor: Natalie Ziebolz
Verzweifelte Gastronomen

Die Verlängerung der Corona-Maßnahmen könnte eine Pleitewelle nach sich ziehen. (Foto: © iStockphoto)

Beim Corona-Gipfeltreffen Mitte November haben Bund und Länder den Maßnahmenkatalog verschärft und verlängert. Die neuen Beschlüsse geben der Branche jedoch keine Planungssicherheit – weder für das wichtige Weihnachtsgeschäft noch für das kommende Jahr. Dabei wird die Zwangspause für immer mehr Betriebe zu einem echten Überlebenskampf.

Tim Raue: „Täglich um die Existenz zu kämpfen, ist große Scheiße“

Der Berliner Spitzenkoch Tim Raue (46), dessen Restaurant im Gault&Millau als beste Adresse Berlins gelistet ist, etwa rechnet mit schweren Folgen durch den verlängerten Lockdown: „Dass die Regierung uns Hilfsmaßnahmen ankündigt, klingt gut, aber was wir bekommen werden, wird dem Gewinn der Vorjahre nicht annähernd nahe kommen“, erklärt Raue der Deutschen Presse-Agentur. „Verluste und Insolvenzen werden im Januar so reichlich rieseln wie die trockenen Nadeln vom Weihnachtsbaum.“  Als Unternehmer sei die Lage enorm belastend. „Täglich um die Existenz zu kämpfen, ist große Scheiße.“ Mit Blick auf eine mögliche Wiederöffnung sagte Raue: „Wir versuchen so flexibel wie möglich zu handeln, und wenn man es uns erlaubt, werden wir umgehend auf den Restaurantbetrieb zurückstellen.“

Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur: „Es fehlt eine längerfristige Strategie“

Auch der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur (VEBWK) hat das Fehlen einer Perspektive in der Corona-Krise kritisiert. „Wir sehen sehr wohl die Bemühungen, die wirtschaftlichen Verluste einigermaßen auszugleichen, jedoch fehlt es an einer längerfristigen Strategie“, hieß es in einer Mitteilung des Vereins. Der Verein rechnet mit Einbußen bis weit ins nächste Jahr.

Darüber hinaus warnt der VEBWK davor, dass sich die aktuelle Situation der Branche verschlimmert, wenn die angekündigten Hilfen nicht umgehend ausgezahlt würden – Gehälter, Mieten und Pachten seien ja dennoch fällig. Auch Einbußen wegen fehlender Trinkgelder müssten stärker ausgeglichen werden. „Wenn diese Hilfen nicht schnellstens kommen, wird es bereits heuer zu einer Pleitewelle kommen“, teilte der VEBWK mit.

Dehoga Brandenburg: „Viele suchen sich jetzt andere Jobs“

Der Branchenverband in Brandenburg geht hingegen davon aus, da Hotels und Gaststätten vor allem im nächsten Jahr unter den Konsequenzen der Corona-Krise leiden würden. „Die Kurzfristfolgen werden wir von Januar bis März spüren“, sagte der Präsident des Dehoga Brandenburg, Olaf Schöpe. Wenn das Geschäft nach den Schließungen wieder anlaufe, gebe es die Gefahr, dass zu wenig Mitarbeiter da seien. „Viele suche sich jetzt andere Jobs.“ Wenig optimistisch zeigte er sich auch für die Zeit ab Ostern: „Da wird es Insolvenzen hageln.“

Unterschiedliche Corona-Regeln sind völlig widersinnig

Gleichzeitig kritisiert der Dehoga Brandenburg jedoch auch, die unterschiedlichen Vorgaben in der Hauptstadtregion. Olaf Schöpe: „Das finde ich völlig widersinnig.“ Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (beide SPD) sprächen oft von einem gemeinsamen Wirtschaftsraum, es gebe aber keine einheitlichen Corona-Maßnahmen.

Grundsätzlich sind touristische Übernachtungen derzeit verboten, in Berlin darf der Weihnachtsbesuch aber in Hotels übernachten, in Brandenburg nicht. In Berlin sollen sich auch an Weihnachten nur bis zu fünf Menschen treffen können, in Brandenburg vom 23. bis 27. Dezember voraussichtlich bis zu zehn Menschen – davon ausgenommen sind jeweils Kinder bis 14 Jahren.

Michael Beckmann: „Ich freue mich über den Anruf von Herrn Laschet“

Nicht sicher ist zudem, ob es in diesem Winter Ski-Tourismus geben wird. Ministerpräsident Laschet will auf die Skilift-Betreiber zugehen – und sie wohl von einer Schließung wie in Frankreich überzeugen. Italien und Frankreich handelten seiner Ansicht nach vorbildlich, so Laschet. Beide Länder haben angekündigt, die Ski-Pisten beziehungsweise Lifte zu schließen. Wenn Österreich sich dem Aussetzen des Ski-Tourismus verweigere, werde das niemand unterbinden können, so der Ministerpräsident.

Michael Beckmann (CDU), Bürgermeister des sauerländischen Wintersportorts Winterberg, sagte am Sonntag der dpa: „Ich freue mich über den Anruf von Herrn Laschet, um über die von ihm angesprochenen vorbildlichen Lösungen zu sprechen – wir stehen dafür bereit.“ Den Beteiligten des Winter-Tourismus inklusive des Einzelhandels in der Region gehe es um Planbarkeit und finanzielle Hilfen – falls es wirklich keine Ski-Saison geben sollte.

Bereits am Freitag hatten sich unter anderem Vertreter von Handel, Handwerk, Gastronomie, Hotellerie und Skiliftbetreibern in Winterberg zu einem „Winter-Gipfel“ getroffen. Gemeinsam beschloss man, einen Brief an Ministerpräsident Laschet aufzusetzen. „Wir setzen jetzt Zeichen und senden ein eindeutiges Signal: Ohne eine verlässliche und zukunftsorientierte Corona-Politik für eine Tourismusstadt wie Winterberg werden Existenzen massiv gefährdet, Arbeitsplätze vernichtet, Infrastruktur und auch kommunale Investitionen gefährdet. Unsere Stadt braucht eine Perspektive – jetzt!“, schrieb Beckmann nach dem Gipfel bei Facebook.

Juristisch könnte ein Verbot knifflig werden: Individual-Sport im Freien ist bislang in NRW erlaubt. So wäre die Frage, ob – selbst bei einem Stillegen von Ski-Liften – Langlauf noch erlaubt wäre. Die Wintersport-Arena als Zusammenschluss der sauerländischen Ski-Gebiete hatte vor zwei Wochen angekündigt, die ersten Spurgeräte für Loipen rauszuschicken, sobald es die Schneelage zulässt.

Eine Sprecherin der Wintersport-Arena appellierte am Sonntag an die Politik, differenzierte und „wohlgeordnete Lösungen“ zu finden. Natürlich wolle niemand ein „zweites Ischgl“. Allerdings gehe es im Sauerland ja nicht um Aprés Ski, da die Gastronomie ohnehin geschlossen bleiben soll. Mit Abstand, Hygiene und in geordneten Bahnen sei Ski-Sport allemal besser, als wenn die Menschen auf eigene Faust die Pisten eroberten.

Reizthema Skifahren: Deutschland schäumt, Alpenländer bleiben cool

Die Debatte um eine Schließung der Skigebiete endet jedoch nicht an den Deutschen Grenzen: Der Aufruf, die Skigebiete über Weihnachten und Neujahr geschlossen zu halten, empört viele in den Alpenländern. Sie wollen sich das Weihnachtsgeschäft mit den Wintertouristen nicht vermasseln lassen – auch wenn die Infektionszahlen in Österreich und der Schweiz zurzeit deutlich höher sind als etwa in Deutschland. Auch Italien und Frankreich sind für eine Öffnung der Skigebiete erst im Januar.

„Die Schweiz fährt Ski. Aber sicher!“, heißt es in einer Werbekampagne, die sich auch an Gäste aus dem Ausland richtet. Auch in Österreich laufen mancherorts die Skikanonen schon auf Hochtouren. Die Regierung in Wien verbittet sich Einmischung. Das Land entscheide selbst, ob es die Skigebiete öffnet, so Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Österreichs Finanzminister Gernot Blümel drohte sogar mit Geldforderungen: „Wenn die EU eine Vorgabe macht, dass die Skigebiete geschlossen bleiben müssen, erwarten wir uns Kompensationszahlungen“, sagte er der Welt. Wintersport ist in den Ländern ein wichtiger Wirtschaftszweig mit Tausenden Arbeitsplätzen. Die Weihnachtsfeiertage sind Hochsaison.

Die Menschen in Deutschland sind allerdings mehrheitlich für die Schließung der Skigebiete zur Eindämmung der Pandemie. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Augsburger Allgemeinen sagten 73,8 Prozent, eine Schließung es sei „eindeutig“ oder „eher richtig“. 19,5 Prozent der Befragten hielten dies für „eher“ oder „eindeutig falsch“.

Frank Vandenbroucke: „Wenn es etwas gibt, was das Virus mag, dann sind das Feste“

Während vielerorts die Meinung vorherrscht, die Corona-Maßnahmen hierzulande seien zu streng, kritisiert Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke die geplanten Lockerungen über Weihnachten: „Wenn es etwas gibt, was das Virus mag, dann sind das Feste, vor allem mit wechselnden Teilnehmern, das müssen wir unbedingt vermeiden. Deshalb finde ich, dass unsere Nachbarländer nicht das tun, was angebracht wäre.“

Ministerpräsident Alexander De Croo hat zudem von Reisen in rote Zonen im Ausland abgeraten und Kontrollen an den belgischen Grenzen angekündigt, ob Einreisende das vorgeschriebene Formular ausgefüllt haben. Anschließend soll stichprobenartig geprüft werden, ob die geforderte Quarantänezeit eingehalten wird. „Wir sehen, dass sich die Zahlen in unserem Land gut entwickeln“, sagte De Croo. „Das Letzte, was wir wollen, ist, das Virus wieder nach Belgien zu importieren.“

Belgien hatte sich trotz sinkender Corona-Zahlen entschieden, bis mindestens Mitte Januar und auch über Weihnachten strikte Kontaktbeschränkungen aufrecht zu erhalten. Haushalte dürfen nur eine weitere Person einladen. Nur Alleinstehende dürfen an den Feiertagen zwei Freunde oder Verwandte gleichzeitig empfangen – die sogenannten Knuffelcontacte. In Deutschland sollen an Weihnachten bis zu zehn Personen zusammen feiern dürfen, plus Kinder.

(dpa/NZ)

 

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