Finanzpolitik

19 Prozent auf alles? Ifo-Chef fordert einheitliche Mehrwertsteuer

Clemens Fuest
Ifo-Präsident Clemens Fuest will den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent abschaffen. (Foto: © picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON)
Höhere Steuern und damit höhere Preise für Brot, Butter und Obst: Darauf zielt ein Vorschlag von Ökonom Clemens Fuest. Er will Einheitlichkeit bei der Mehrwertsteuer. Für die Gastronomie könnte das Folgen haben.
Donnerstag, 06.08.2026, 13:42 Uhr, Autor: Sarah Kleinen

Lebensmittel könnten teurer werden: Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, spricht sich dafür aus, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent abzuschaffen. Stattdessen sollen nach seinem Vorschlag alle bislang begünstigten Waren einheitlich mit 19 Prozent besteuert werden.

„Alle Güter mit derzeit ermäßigtem Mehrwertsteuersatz, vor allem Lebensmittel, würden sich verteuern“, sagte Fuest der „Bild“. In einem Gastbeitrag im „Handelsblatt“ argumentiert der Ökonom, richtig angepackt könne eine solche Reform Haushalte jedoch entlasten. 

Die Rolle der Mehrwertsteuer in der Politik

Die Änderung des Mehrwertsteuersatzes ist ein beliebtes Instrument in der Politik – eingesetzt entweder zur Entlastung von Bürgern in Krisenzeiten oder zum Stopfen von Haushaltslöchern. Auf die meisten Waren gilt in Deutschland ein Satz von 19 Prozent. Der reduzierte Satz von 7 Prozent gilt für Produkte, die dem Gemeinwohl dienen – darunter etwa Grundnahrungsmittel wie Milch, Fleisch, Obst, Gemüse und Backwaren.

Die letzte Anpassung gab es infolge der Corona-Pandemie: Der Mehrwertsteuersatz für Speisen in der Gastronomie wurde zur Entlastung von Restaurants und Gaststätten von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Nach dem Auslaufen der Sonderregelung galt zwischenzeitlich wieder der reguläre Satz. Seit dem 1. Januar 2026 werden Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen – mit Ausnahme der Abgabe von Getränken – erneut dauerhaft mit 7 Prozent besteuert.

Der reduzierte Satz ruft aber auch deshalb immer wieder Debatten hervor, weil die Einteilung nicht einfach nachzuvollziehen ist. So fallen auf Hunde- und Katzenfutter 7 Prozent an, auf Babynahrung aber 19 Prozent. Für Kartoffeln gilt der reduzierte Satz von 7 Prozent, für Süßkartoffeln 19 Prozent. 

Was Fuest vorschlägt 

Laut Fuest kostet der ermäßigte Mehrwertsteuersatz den Staat jährlich 43,5 Milliarden Euro. „Das sozialpolitische Entlastungsziel könnte aber mit wesentlich weniger Aufwand erreicht werden“, argumentiert er. „Wenn diese Entlastung das eigentliche Ziel ist, könnte man den Haushalten das Geld auch durch direkte Transfers zukommen lassen.“

Fuest schlägt daher vor, den ermäßigten Satz komplett abzuschaffen und 19 Prozent für alle Waren zu verlangen. Nach Rechnung des Ökonomen müsste die ärmere Hälfte der Bevölkerung dann im Schnitt 30 Euro im Monat mehr zahlen. Um das auszugleichen, müsste der Staat lediglich 7,2 Milliarden Euro in die Hand nehmen. 

„Belastet würde vor allem die Hälfte der Bevölkerung mit den höheren Einkommen, also mit Bruttoeinkommen über circa 55.000 Euro“, sagte der Ökonom der „Bild“. Nach Abzug der Ausgleichszahlungen blieben dem Staat demnach mehr als 36 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich. „Wichtig ist mir, dass er eine Chance bietet, das Chaos bei der Mehrwertsteuer abzuschaffen, ohne die ärmsten Haushalte mehr zu belasten“, sagte Fuest über seinen Vorschlag. 

Warum das jetzt kommt

Die deutschen Staatsfinanzen stehen unter Druck: Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) muss in der Haushaltsplanung für die kommenden Jahre Milliardenlücken schließen. Außerdem plant die Koalition eine Reform der Einkommensteuer. Um deren Kosten aufzufangen, prüften Union und SPD auch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. 

„Alle Ausgaben und Steuervergünstigungen müssen auf den Prüfstand“, argumentiert Fuest nun. Hilfen dürften nur denjenigen zugutekommen, die sie auch wirklich brauchten – und das sei bei der ermäßigten Mehrwertsteuer eben nicht der Fall. „Es werden nicht nur Menschen mit niedrigen Einkommen entlastet, sondern alle Konsumenten, und der ermäßigte Satz gilt für viele Güter, nicht nur für Nahrungsmittel. Außerdem profitieren Haushalte umso mehr, je höher ihr Konsum ist“, argumentiert der Ökonom. 

Der durch eine Reform entstehende Überschuss von 36,2 Milliarden könnte entweder zur Entlastung des Haushalts genutzt werden – oder zur Senkung des regulären Mehrwertsteuersatzes um zwei Prozentpunkte auf 17 Prozent. 

7 Prozent für Speisen gelten seit 2026

Für Gastronomen erhält der Vorstoß durch die aktuelle Steuerregelung eine besondere Bedeutung. Seit dem 1. Januar 2026 gilt für Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen wieder dauerhaft der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent. Die Regelung umfasst Speisen, während Getränke weiterhin grundsätzlich mit 19 Prozent besteuert werden.

Von der Steuersenkung profitieren neben Restaurants unter anderem Caterer, Bäckereien, Metzgereien sowie Anbieter von Kita-, Schul- und Krankenhausverpflegung. Das Bundesfinanzministerium beziffert die damit verbundene jährliche Entlastung der Branche und der Bürger auf insgesamt 3,6 Milliarden Euro.

Sollte der ermäßigte Satz vollständig abgeschafft werden und der Vorschlag von Fuest auch Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen umfassen, würde die Anfang 2026 eingeführte Entlastung wieder entfallen. Für Gastronomen könnte das je nach Preisgestaltung niedrigere Nettoerlöse oder höhere Preise für Gäste bedeuten.

Aus den bislang veröffentlichten Aussagen geht allerdings nicht eindeutig hervor, ob Fuests Modell neben Waren auch sämtliche ermäßigt besteuerten Dienstleistungen erfassen soll. Ein konkreter Gesetzentwurf liegt nicht vor.

Was die Politik davon hält

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf wies die Forderung von Fuest umgehend zurück. „Wir haben eine ganze Reihe von Menschen, Rentner, aber auch Schüler, Auszubildende, Studenten, die dann alle mehr zahlen müssten“, sagte er im RTL/ntv-"Frühstart".

Für die meisten Menschen bedeute das eine deutliche Preiserhöhung in einer Zeit, in der Bezahlbarkeit ohnehin schon ein Problem sei. „Und dann Preise auch noch über höhere Steuern im Konsum, im Verbrauch weiter zu erhöhen, das ist etwas, was mit uns nicht zu machen sein wird“, sagte der SPD-Politiker. 

Wie es im internationalen Vergleich aussieht

Betrachtet man nur den regulären Satz, gehört Deutschland zu den fünf EU-Ländern mit der geringsten Mehrwertsteuer. Die meisten Länder haben jedoch auch reduzierte Sätze – mit Ausnahme von Dänemark, das auf alle Waren einheitlich 25 Prozent erhebt.

Die Mehrwertsteuer-Bandbreite reicht von 2,1 Prozent (niedrigster Satz in Frankreich) bis zu 27 Prozent (regulärer Satz in Ungarn).

(dpa/Bundesministerium der Finanzen/SAKL)

Zurück zur Startseite

Weitere Themen

Rezeptionistin mit Telefonhörer in der Hand schaut auf ihren Computer
Reformentwurf
Reformentwurf

Entwurf zur Arbeitszeit-Reform: Mehr Flexibilität für das Gastgewerbe?

Ein erster Entwurf zur Reform der Arbeitszeiten in Deutschland sickert durch. Und stößt sofort auf Widerspruch. Es geht um den Achtstundentag – und um mehr Flexibilität bei Dienstplänen, wie ihn Hotels und Restaurants bereits seit langem fordern.
Zwei Gastronomen bei der Abrechnung
Iran-Deal
Iran-Deal

Einigung zwischen USA und Iran: Entspannung für das Gastgewerbe in Sicht?

Nach wochenlangen Verhandlungen haben sich die USA und der Iran auf ein Rahmenabkommen zur Beilegung des Krieges verständigt. Das nährt die Hoffnung auf wirtschaftliche Entspannung – auch für Hotellerie und Gastronomie.
Jahreswechsel 2025 auf 2026
Reformen
Reformen

Mehrwertsteuer, Mindestlohn, Minijobs – das ändert sich 2026

Das Jahr 2026 bringt einige neue gesetzliche Regelungen und Änderungen mit sich, die auch das Gastgewerbe betreffen. Ein Überblick, was auf die Branche zukommt.
„7 statt 19!“-Petition
Kommentar
Kommentar

7 Prozent – ein überfälliger Schritt. Und ein mühsamer Weg dorthin.

Die dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen ist beschlossen. Für die Gastronomie ist das ein wichtiger Schritt – und das Ende eines langen, mühsamen Weges. Denn die Forderung nach sieben Prozent ist nicht neu. Auch HOGAPAGE hat sie bereits vor über zehn Jahren erhoben.
Christopher Vogt
Forderung
Forderung

Gastronomie unter Druck – Vogt will Entlastung für Betriebe

Steigende Kosten belasten die Gastronomie. In Schleswig-Holstein macht sich jetzt FDP-Fraktionschef Christopher Vogt für die Branche stark. Er hofft auf Entlastungen durch weniger Bürokratie und niedrigere Mehrwertsteuer und fordert ein klares Signal.
Lars Klingbeil
Vorwurf
Vorwurf

Mehrwertsteuer-Debatte: Lars Klingbeil in der Kritik

In der Diskussion um die geplante Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie und die Erhöhung der Pendlerpauschale wächst Kritik an Lars Klingbeil. Während der Bundesfinanzminister die Debatte um einen finanziellen Ausgleich für die Länder für beendet erklärt, spricht Hessens Regierungschef vom falschen Weg und der sächsische CDU-Ministerpräsident sieht eine gewisse Bockigkeit.
DZG-Vorstandssprecher Dr. Marcel Klinge
Appell
Appell

DZG appelliert: Steuerentlastung für Gastronomie darf jetzt nicht scheitern

Die Steuerentlastung der Gastronomie steht „auf der Kippe“ – warnte jüngst Bundesfinanzminister Lars Klingbeil. Die Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) appelliert deshalb an Bund und Länder, die beschlossene Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent verlässlich umzusetzen und beim Haushalt 2026 gemeinsam zu handeln.
Lars Klingbeil
Steuersenkung
Steuersenkung

Klingbeil warnt: 7-%-Mehrwertsteuer in Gefahr!

Die geplante Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie steht auf der Kippe! Die Länder wollen die Entlastungen nicht mittragen und fordern einen Ausgleich für die Steuerausfälle. Finanzminister Lars Klingbeil warnt vor einem Scheitern der geplanten Steuerentlastungen.
DGB-Chefin Yasmin Fahimi
Kontroverse
Kontroverse

Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie: Zwischen Kritik und Hoffnung

Ab 2026 können Gastwirte aufatmen: Die Umsatzsteuer auf Speisen sinkt. Doch nicht alle finden die Entscheidung zur 7-Prozent-Mehrwertsteuer sinnvoll – und das obwohl sie eine Notwendigkeit zur Sicherung von Betrieben, Jobs und kulinarischer Vielfalt darstellt.