Spitzengastronomie

Restaurant erhielt Stern für reine Synthetik-Küche

Im Warschauer Gourmetrestaurant „Senses“ gibt’s weder echten Fisch, noch frisches Obst oder natürliches Steak – alles besteht aus künstlichen Synthetikstoffen. Michelin hat Küchenchef Andrea Camastra mit einem Stern belohnt.

Mittwoch, 17.07.2019, 14:28 Uhr, Autor: Thomas Hack
Ein Topf, aus dem grüner Rauch austritt

Im Warschauer Sternerestaurant „Senses“ bestehen auch Fleisch, Fisch und Obst aus künstlichen Stoffen und synthetischen Pulvern. (Symbolbild © lassedesignen/Fotolia)

Ob Paradiesäpfel oder Tiramisu, ob Kakao oder Bananen – nichts ist hier wirklich echt. Im Warschauer Sternerestaurant „Senses“ wurden sämtliche natürliche Zutaten durch künstliche Stoffe ersetzt, wie das Portal bellevue.nzz.ch berichtet. Statt frischen Früchten, Fisch oder Fleisch haben dem Bericht zufolge die Gäste synthetische Zutaten auf dem Teller, die sich „Baliquin“ oder „Senses No. 15“ nennen. Dazu gesellen sich Proteinpulver, zahlreiche Farbstoffe und Carrageene. Für Küchenchef Andrea Camastra ist diese synthetische Kunstküche nicht nur völlig normal, sondern sogar der Beginn eines ganz neuen Gourmet-Zeitalters – dem Zeitalter der sogenannten „Notenküche“, welche ihm zufolge moderne Molekularküche ablösen wird. „Diese reflexartige Abwehrhaltung, diese Neophobie, wenn es ums Essen geht, ist weit verbreitet, sagt er gegenüber bellevue.nzz. „Um die Notenküche zu verstehen, muss man sich von alten Mythen und Denkmustern lösen. Es gibt in der Küche wenig Natürliches. Eine Kuh ist natürlich, ein Steak nicht. Oder Käse. Käse ist ein künstlich erzeugter Reifungsprozess aus geronnenem Eiweiß, Lab und Bakterien. Pure Chemie.“

„Wie die Erfindung des Synthesizers in der Musik…“

Diese synthetische „Notenküche“ ist für Camastra ein facettenreiches Universum voller Geschmacks- und Sinneserfahrungen, wie er sagt. „Die Notenküche ist für das Kochen wie die Erfindung des Synthesizers für die Musik“, lässt er schwärmerisch dem Bericht zufolge verlauten. Künstliche Farbstoffe hin oder her – Camastra verfolgt seine Synthetikküche mit demselben Engagement weiter wie sein bisheriges gastronomisches Leben – immerhin hatte er seine Karriere als Tellerwäscher begonnen und führt nun mit 38 Jahren ein Gourmetrestaurant der Extraklasse. So jedenfalls sieht es der Guide Michelin, der Andrea Camastra und seinen Warschauer Synthetiktempel „Senses“ prompt mit einem Stern belohnt hat. Ein Schelm, der jetzt an den Louis de Funes-Klassiker „Brust oder Keule“ denken muss… (bellevue.nzz.ch/TH)

 

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