Interview

„Wir haben keine familienfeindlichen Arbeitszeiten, sondern arbeitsfeindliche Kinderbetreuungszeiten“

Die alte/neue ÖHV-Präsidentin, Michaela Reitterer, im HOGAPAGE-Interview über den latenten Arbeitskräftemangel, die Airbnb-Konkurrenz und das Preisniveau in Österreichs Hotellerie.

Mittwoch, 30.01.2019, 09:42 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
Michaela Reitterer

Michaela Reitterer sieht die wirtschaftliche Situation in Österreichs Hotellerie deutlich kritischer als es aktuelle Tourismuszahlen erwarten ließen. (© Flo Lechner)

Fr. Reitterer, herzliche Gratulation, Sie sind eben erst zur Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) einstimmig wiedergewählt worden. Welche Schwerpunkte planen Sie für Ihre nächste Amtszeit?
Weiter voller Einsatz für Österreichs Top-Hotellerie, aufbauend auf den Erfahrungen von 6 Jahren ÖHV-Präsidentin und Zusammenarbeit mit den Vertretern unterschiedlichster Parteien auf allen politischen Ebenen. Die Top-Themenfelder bleiben natürlich allen voran die Arbeit, dicht gefolgt von der Steuerlast und dann die strategisch entscheidenden Felder Digitalisierung mit all ihren Ausläufern. In der Sharing Economy kulminieren alle drei. Und dann noch die Nachhaltigkeit. An dem Thema sind wir ja schon sehr lange dran, jetzt geht es ans Eingemachte. Der Plastikverzicht ist auch für die Hotellerie kein Zuckerschlecken.

Ihre Vorgänger Sepp Schellhorn und Peter Peer waren als Doppelspitze recht erfolgreich. Auch Sie hatten anfangs mit Gregor Hoch einen Co-Präsidenten. Warum ist man davon wieder abgegangen?
Das war keine Entscheidung gegen eine Doppelspitze, sondern eine persönliche Entscheidung von Gregor und meine Bereitschaft, weiterzumachen. Natürlich habe ich dann Gespräche geführt mit mehreren Personen, ob sie sich bereit erklären würden für eine oder zwei Perioden als Doppelspitze. Es meinten aber ausnahmslos alle, ich solle das machen, sie würden mich voll und ganz unterstützen.

Rekorde wohin man blickt in Österreichs Tourismus. Der Hotellerie ist es schon mal schlechter gegangen. Und das trotz der anhaltenden Personalprobleme. Sind die Österreicher Meister im Improvisieren?
Da muss ich widersprechen: Rekorde sehen sie dort, wo es sich leicht zählen lässt, an der Oberfläche, bei den Gästen, die bei der Tür hereinkommen, und bei den Nächten, die sie im Haus verbringen. Bei der Aufenthaltsdauer sieht es schon anders aus, bei der Auslastung haben wir viel Luft nach oben, und die Einnahmen pro Nächtigung sind total parterre. Da gibt es sogar Zahlen, aber über die berichtet kaum wer, weil es zu komplex ist und politisch nicht opportun war oder ist. Aber ich hoffe, das ändert sich jetzt. Wenn man nicht zurückblickt auf Erreichtes, sondern nach vorne schaut auf Ziele, die man erreichen will.

Warum wollen tatsächlich immer weniger Leute in der Hotellerie arbeiten? Liegts an der Bezahlung, den Arbeitszeiten? Bzw. was müsste man tun, um das Image der Branche wieder zu verbessern?
Es haben noch nie so viele Menschen in der Hotellerie gearbeitet wie heute. Richtig gestellt muss die Frage lauten, warum es eine Lücke gibt zwischen Mitarbeiterbedarf und Angebot. Die richtige Antwort darauf lautet, weil wir so schnell wachsen und das vor allem im Qualitätsbereich, wo du die meisten Mitarbeiter brauchst. Bei der Bezahlung darf man nicht immer von Manager-, Politiker- und Journalistengehältern ausgehen und immer nur die KV-Löhne zum Vergleich heranziehen. Die Arbeitszeiten sind nicht die von Lehrern, aber besser als die von Krankenschwestern, Polizisten oder vielen Selbständigen. Wir haben keine familienfeindlichen Arbeitszeiten, sondern arbeitsfeindliche Kinderbetreuungszeiten. Ein Drittel der Erwerbstätigen arbeitet abends oder am Wochenende, nur die Kinderbetreuungseinrichtungen sind da garantiert geschlossen. Und keiner weiß warum.

Erwarten Sie sich eine spürbare Verbesserung der Situation durch die zumindest regionale Aufnahme von Köchen und Kellnern in die Mangelberufsliste
Nein, das wäre illusorisch, aber es wird keine Verschlechterung geben wie in den vergangenen Jahren: Die Saisonnier-Kontingente wurden erstmals seit Jahrzehnten nicht gekürzt, der Koch ist ohne Einschränkung auf der Mangelberufsliste, Kellner sind es regional und zusammen mit den andere Berufen in einem Pool von leider nur 300 Fachkräften bundesweit. Das ist natürlich viel zu wenig, aber die Tür ist offen und unser Fuß ist drin und den nehmen wir dort nicht mehr raus. Auch wenn’s weh tut.

Sollte man Asylwerbern den Zugang ins Gastgewerbe und damit einen längerfristigen Aufenthalt ermöglichen?
Ich sehe die Gefahr nicht, die von ein paar jungen, ehrgeizigen Menschen ausgeht, die in unser System einzahlen wollen anstatt wie viele andere, die nur etwas herausnehmen. Aber so wie die Diskussion läuft, wird es immer schwieriger, zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen. Beide Seiten stilisieren ein paar Lehrlinge zur Heilsfrage für das Abendland hoch. Etwas weniger Aufregung hätte der Sache sehr gut getan. Das gilt für alle Beteiligten. Ich hätte das lieber hinter den Kulissen gelöst, so wie viele Hoteliers einen Beitrag geleistet haben, ohne sich ins Rampenlicht zu stellen. Weil sie wussten, dass das allen Beteiligten nur schadet. Und sie haben leider Recht behalten.

Wie stark ist die Airbnb-Konkurrenz in den letzten Jahren geworden und welche gesetzlichen Maßnahmen würden Sie sich hier für einen fairen Wettbewerb wünschen?
Als Konkurrenz sind die ehrlichen Hosts österreichweit vernachlässigbar, gerade in Wien haben wir aber eine Häufung und das sind nicht durch die Bank „ehrliche Makler“, wie man so schön sagt. Aber es ist nur schwer zu erklären, warum unsere Betriebe ständig kontrolliert werden und andere undeklariert anbieten, wie und was sie wollen. Als gewerblicher Anbieter musst du Allergene deklarieren, Schutzmasken für das Anstecken von Kanistern mit biologisch abbaubaren Reinigungsmitteln aushändigen und erwachsene Menschen unterschreiben lassen, dass sie kein Spülmittel trinken sollen. Und andere berufen sich auf den Datenschutz, wenn es um die Abfuhr von Einkommens- und Umsatzsteuer geht. Da lenke ich auch die Nachfrage in einen Bereich, der auch keine Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge erwirtschaftet. Da ist es dann nur schwer zu erklären, warum die Abschreibungsdauer verlängert wurde und die Grunderwerbsteuer erhöht.

Sie haben vorher die geringen Einnahmen pro Nächtigung angesprochen.Peter Dobcak von der Wiener Wirtschaftskammer hat jüngst gefordert, dass eigentlich alle Gastronomen ihre Preise um mindestens 25 Prozent anheben müssten, um seriös kalkulieren zu können und weiterhin Top-Qualität zu liefern. Wie geht es Ihnen dabei mit unseren Übernachtungspreisen? Haben wir Luft nach oben im internationalen Vergleich?
Da muss ich mich jetzt sehr zurückhalten, weil Preisabsprachen, vorsichtig ausgedrückt, nicht unproblematisch sind. Aber es gibt auf der einen Seite internationale Vergleichszahlen für den RevPAR, die uns einige Luft nach oben bescheinigen, und auf der anderen Seite die historische Entwicklung. Da sind wir aktuell gerade einmal auf dem Preisniveau von vor der Krise. Zu hoch sind die Preise also nicht. Ob wir sie steigern können bei den immer neuen Anbietern, von denen einige stark unterpreisig agieren? Wohl nur die mit dem besten USP.

Derzeit wird regierungsseitig über die Einführung von Herbstferien in Österreich diskutiert. Ihre Meinung dazu?
Die Hotellerie unterstützt diese Pläne. Das Wegfallen der sogenannten Anreisetage nach Ostern und Pfingsten würde durch einen Herbstferien-Block mehr als ausgeglichen. Sowohl Wellnessbetriebe als auch die Stadt- und klassische Ferienhotellerie würden profitieren. Eine buchungsstarke Woche im Herbst wäre ein weiterer Anreiz, die Saison zu verlängern. Ich gehe von merklichen positiven Auswirkungen auf die Beschäftigungsdauer aus.

Wenn Sie drei Wünsche an die Politik frei hätten, welche wären das?
Zu allererst, dass jeder Minister oder Landesrat in Österreich mitbedenkt, wie sich seine Entscheidungen auf den Qualitätstourismus auswirken. Das fehlt uns noch ganz, denken wir nur an die Grunderwerbsteuer oder die Auflösungsabgabe. Zweites etwas mehr Mut zur Entscheidung. Immer nur zu reagieren ist zu wenig, zu spät. Bei uns muss jemand erst arbeitslos sein, damit er sich dann umschulen lassen kann. Und dann natürlich der große Schritt in der Tourismuspolitik: eine andere Qualität der Entscheidungsgrundlagen. Weg von den Nächtigungen und Ankünften, hin zur Wertschöpfung, hin zur Bedeutung für den Arbeitsmarkt und für das Sozialversicherungssystem. Uns muss einmal klar sein, was der Alpenhauptkamm ohne Tourismus wäre, anstatt immer nur über Staus zu jammern, und welches Potenzial wir da noch sozialverträglich abholen können – mit einer nachhaltigen Entwicklung. Damit wäre sehr vielen geholfen. Aber so wie die Tourismusstrategie, eine Tourismusministerin oder die Umsatzsteuersenkung deponiere ich auch diese Wünsche bei der Politik und ich bin zuversichtlich, dass wir sie umsetzen werden.

Jobs in der Hotellerie findet man auf der HOGAPAGE-Jobbörse unter: https://www.hogapage.at/jobs/hotelleriebeherbergung

 

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