Interview

„Wenn man sich auf den Staat verlässt, steht man alleine da“

Die Hotellerie nimmt wieder Fahrt auf. Im HOGAPAGE Interview spricht Oliver Winter, CEO A&O Hostels, über die Corona-Politik, die schwierige Personalsituation beim Re-Start und den Weg zum nachhaltigen Unternehmen.

Montag, 16.08.2021, 13:33 Uhr, Autor: Natalie Ziebolz
Oliver Winter präsentiert Deutschen Award für Nachhaltigkeitsprojekte

Für ihr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit ist a&o bereitis mit dem Deutschen Award für Nachhaltigkeitsprojekte ausgezeichnet worden. (Foto: © a&o Hostels)

Herr Winter, nach Monaten im Lockdown dürfen Hotels nun wieder alle Gäste empfangen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Corona-Management der Bundesregierung? Hätten man etwas besser machen können?

Wir haben bereits in den vergangenen Monaten bemängelt, dass die Hotellerie quasi in Sippenhaft genommen wurde und andere Branchen weiter geöffnet bleiben durften. Aus meiner Sicht war dieses Vorgehen willkürlich und Hotels hätten wenigstens deutlich für die Schließungen entschädigt werden müssen. Wir haben beispielsweise für das gesamte Unternehmen bisher lediglich 50.000 Euro Abschlagzahlung der Novemberhilfe erhalten. Ich glaube auch nach wie vor, dass Lockdowns der Sache nicht viel gebracht haben. Entscheidender war und ist die konsequente Umsetzung von Maßnahmen wie der Maskenpflicht, Aha-Regel, etc. Ich verstehe nicht, warum man diese Regeln jetzt so schnell auslaufen lässt.

Welche Lehren haben Sie aus der Pandemie gezogen?

Einerseits hat die Krise gezeigt, wie wichtig schnelle Reaktionszeiten sind. Auch die Kommunikation mit den Mitarbeitern und den Partnern darf nicht unterschätzt werden. Wir haben aber auch gemerkt, dass man gerade vom Mittelstand – etwa von Vermietern und Zulieferern – unheimlich viel Unterstützung bekommt. Wenn man sich hingegen auf den Staat verlässt, steht man alleine da.

Viele Betriebe klagen über akute Personalnot zum Neustart. Wie sieht die Situation bei a&o aus?

Wir hatten vor der Pandemie 1200 Mitarbeiter, jetzt noch ungefähr 600. Ich verstehe die Mitarbeiter, die uns verlassen haben: Einige Monate ist die Kurzarbeit sicherlich für jeden tragbar, irgendwann suchen die Leute sich dann – natürlich auch aus finanziellen Gründen – jedoch etwas Neues.

Wie lässt sich die Branche bei jungen Leuten wieder attraktiv gestalten?

Die Branche muss, wie alle anderen auch, mit der Zeit gehen. Wir bei a&o versuchen beispielsweise den Bewerbern zu zeigen, dass wir das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen und bereits heute zahlreiche Maßnahmen zur Ressourcenschonung umsetzen. Und wir arbeiten weiter an Konzepten, damit man auch künftig mit gutem Gewissen reisen kann – und nicht erst ab 2050. Wir haben festgestellt, dass neue Mitarbeiter darauf extrem viel Wert legen. Sie wollen wissen, wofür eine Firma steht und wo sie ihren Platz in der Gesellschaft sieht. Ein weiterer wichtiger Punkt sind flexible Arbeitszeiten. Wir müssen das Freizeit-Bedürfnis unserer Mitarbeiter ernst nehmen. Wenn beispielsweise unsere studentischen Aushilfen sagen, sie können nur an bestimmten Tagen, dann ist das vollkommen in Ordnung. Außerdem haben wir gesehen, dass viele Arbeiten in der Zentrale auch im Home Office ausgeführt werden können. Also warum den Mitarbeitern nicht zwei, drei Tage Home Office anbieten?

Wie ist Ihnen der Neustart geglückt?

Dafür, dass wir im Endeffekt bei Null gestartet sind, ist uns der Re-Start sehr gut geglückt. Wir hatten während des Lockdowns kleinere Projekte, z.B. haben wir im Rahmen unseres Projektes „Notfallbetten“ Obdachlose bei uns aufgenommen. Das war schon Wahnsinn, von einem Tag auf den anderen wieder in die Normalität zu starten. Gerade für unsere Mitarbeiter ist das ein enormer Kraftakt. Es fühlt sich allerdings auch unglaublich gut an, wieder gebraucht zu werden und endlich wieder unserer Leidenschaft nachzugehen: Gäste zu beherbergen!

Haben Sie sich und Ihre Mitarbeiter in bestimmter Weise auf den Neustart vorbereitet?

Wir wussten, es wird der Moment kommen, an dem wir plötzlich 300 bis 400 neue Kollegen einarbeiten müssen. Daher haben wir die Winterzeit genutzt, jeden Ablauf gefilmt und eine Online-Lernplattform aufgebaut. Die Mitarbeiter wurden dafür in Teams eingeteilt und haben wirklich jeden einzelnen Schritt im Haus durchgespielt. Das beste Video haben wir dann jeweils für die Plattform genommen. Das war auch für langjährige Mitarbeiter nochmal ein gutes Training.

Merken Sie es auch an den Buchungen, dass es wieder anläuft?

Absolut! Wir haben in den Pandemie-Monaten immer um die 1,5 bis maximal 2 Millionen Euro Umsatz gemacht; im Juni waren es dann schon 4 Millionen und im Juli bereits 7 Millionen Euro – und das eben nicht mit Projekten für Obdachlose, sondern mit unserer eigentlichen Zielgruppe: Touristen.

Wie geht es bei A&O nun weiter?

Unser wichtigster langfristiger Plan ist, bis 2025 die erste Hotelkette mit Netto-Null-Emissionen zu sein. Das werden wir nicht ganz aus eigener Kraft schaffen. Wir erreichen jedoch sicherlich einen sehr guten Wert pro Übernachtung – etwa drei Kilo. Zum Vergleich: In einem Budget-Hotel fallen etwa 25 Kilo CO2 pro Nacht an. Den Rest werden wir dann mit geeigneten Maßnahmen kompensieren.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie explizit, um das Ziel zu erreichen?

Das beginnt bei der Umstellung auf LEDs und Bewegungsmelder, damit das Licht nicht durchgehend leuchtet, und geht hin bis zur Entsieglung von Flächen. In Zukunft spielt bei uns zudem die Dachbegrünung eine große Rolle. Manchmal sind es aber auch ganz kleine Maßnahmen: Irgendwann kamen unsere Mitarbeiter beispielsweise auf uns zu, da sie beim Frühstück nicht mehr mit den ganzen Kleinstverpackungen arbeiten wollten. Auch Bananen wird es bei a&o künftig nicht mehr geben, da wir verstärkt auf regionale Produkte setzen. Dafür gehen wir aktuell auch an die Lieferketten ran, sprechen mit den Wäschereien und Lieferanten.

Die nachhaltige Umstellung des Betriebs wird oftmals mit hohen Kosten verbunden. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht?

Natürlich, die Umstellungen auf grünen Strom oder grünes Gas ist mit höheren Kosten verbunden. Aber alle anderen Maßnahmen sparen auf Dauer tatsächlich Geld, da Nachhaltigkeit in vielen Fällen eher ein bewusster Verzicht ist. Wenn ich beispielsweise sage, statt der Banane lege ich den Apfel auf das Buffet, dann kostet das ja nicht mehr. Das gleiche gilt, wenn ich statt der Kleinstverpackungen Seife zur Großverpackung greife.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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