Interview

„Man hat endlich die Bedeutung des Tourismus für unsere Gesellschaft bemerkt“

Robert Seeber ist der neue Obmann der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in Österreich. Mit HOGAPAGE sprach er über die aktuellen Probleme der Branche, einen zweiten Shutdown und mögliche weitere Hilfspakete.

Donnerstag, 09.07.2020, 11:09 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
Robert Seeber

Robert Seeber wird in seiner neuen Funktion in der aktuellen Situation sicher nicht langweilig. (© WKO)

HOGAPAGE: Herr Seeber, die Ablöse Ihrer Vorgängerin Petra Nocker-Schwarzenbacher durch Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer kam für viele überraschend. Auch Ihr Name wurde nicht von Anfang an als logischer Nachfolger gehandelt. Haben Sie sich kurzfristig zur Kandidatur entschlossen?
Robert Seeber: Um ehrlich zu sein, ich habe mich überhaupt nicht beworben. Eines Tages hat bei mir das Telefon geläutet und man hat mich gefragt, ob ich mir dieses Amt vorstellen könnte. Sowas freut einen natürlich. Ich habe mir dann kurze Bedenkzeit erbeten und mir gedacht, ich könnte in diesen schwierigen Zeiten Manches für unsere Branche durch meine Erfahrung als Gastronom und Unternehmer mit guten Kontakten zu allen Seiten bewegen. Ich sehe das als reizvolle Aufgabe, zu der ich nicht nein sagen konnte und als Höhepunkt meiner Karriere. Ich hoffe, dass ich einigend wirken und dafür sorgen kann, dass wirklich alle an einem Strang ziehen. Wir sitzen in einem Boot! Die Zeiten, in denen sich etwa Arbeitgeber und Arbeitnehmer gegenseitig Unfreundlichkeiten über die Medien ausgerichtet haben, die Zeiten des Klassenkampfes, aber auch die Zeit der Einzelplayer müssen vorbei sein. Es geht nur miteinander. Es braucht eine stringente Markenpolitik, wir müssen alle gemeinsam nach außen hin auftreten. Persönliche Eitelkeiten muss man hintenanstellen.

Wie ist denn die Stimmung derzeit in der Branche? Zweigeteilt? Manche Betriebe sind so gut für den Sommer gebucht wie noch nie, die Stadthotellerie liegt am Boden und die Nachtgastronomie darf noch immer nicht aufsperren.
Es stimmt, die Stimmung ist durchwachsen. Aber ich habe das Gefühl, dass das Positive mehr und mehr überwiegt, die Freude, dass man wieder aufsperren konnte und die sukzessiven Lockerungen. Natürlich war für jeden Unternehmer das zwangsweise Nichtstun schlimm. Also eine Aufbruchstimmung ist da, aber eben auch abhängig vom Betriebstyp. Viele Betriebe haben nach wie vor weniger als die Hälfte des Umsatzes der Vor-Corona-Zeit. Rekordjahr wird es dieses Jahr also eher keins mehr werden. Umso mehr – das Virus ist ja leider noch lange nicht weg – wird es nötig sein, alle Kräfte zu bündeln, alle Player, alle politische Parteien, Arbeitgeber und Arbeitnehmer an einen Tisch zu bringen. Das sehe ich als meine Aufgabe und ich glaube, das kann ich auch.

Wie viele Betriebe werden Ihrer Meinung nach die Krise nicht überleben – Insider sprechen von bis zu 30 Prozent in den nächsten 12 Monaten.
Die Zahl selbst kann ich nicht nachvollziehen, aber natürlich wird es einige Betriebe geben, die es nicht schaffen werden. So realistisch muss man sein. Im Sommer rechnen wir grob mit einem Umsatzrückganz von 50 Prozent im Tourismus, im kommenden Winter mit 30 Prozent. In der Gastronomie wage ich mich an keine Prognose. Klar ist für mich nur, dass wir niemanden zurücklassen wollen und alles daransetzen, möglichst vielen das wirtschaftliche Überleben zu sichern.

Die Umsatzsteuer auf Speisen, Getränke und Übernachtungen wurde soeben gesenkt. Ist das ein Tropfen auf den heißen Stein oder eine signifikante Hilfe?
Das ist schon eine sehr gute Sache, für die ich der Politik sehr dankbar bin. Auch dass eben die Übernachtungen in letzter Sekunde ebenfalls in das Paket mit hineingenommen wurden. Ganz klares Ziel dieser Maßnahme ist jedenfalls, dass diese Steuersenkung nicht weitergegeben wird, sondern dem Gastronomen oder Hotelier zugutekommt.

Welche anderen Maßnahmen peilen Sie an, um möglichst vielen Kollegen das Überleben zu sichern? Es ist von nicht rückzahlbaren Zuschüssen die Rede, auch eine Verlängerung der Kurzarbeit wird bisweilen diskutiert.
Eine Verlängerung der Kurzarbeit ist tatsächlich im Gespräch, denn die aktuelle Problematik wird sich wohl weit bis ins nächste Jahr hineinziehen. Allerdings ist das auch ein wenig eine Gratwanderung, vor allem in anderen Branchen. Denn letztlich muss man auch schauen, dass die Leute wieder in die Vollbeschäftigung zurückgeholt werden. Auch Fixkostenzuschüsse, verbesserte Abschreibungszeiten, ein Kreditmoratorium, bei dem Kredite und Kreditzinsen übernommen werden und weitere Maßnahmen sind derzeit intensiv im Gespräch. Unser Job ist es jedenfalls, von der Regierung eine größtmögliche Unterstützung für die Branche herauszuholen, egal von welcher Seite die kommt. Wenn uns das gelingt, dann wird der Tourismus auch wieder eine Wachstumsbranche werden.

Man könnte kritisieren, dass mit einer Ausweitung der Kurzarbeit, manche Pleiten nur verschleppt werden.
Wir bewegen uns diesbezüglich leider im luftleeren Raum, weil man nicht weiß, wie sich das Virus weiterentwickelt. Es gibt keinerlei Planungssicherheit. Das macht solche Prognosen sehr schwer und ist eine Katastrophe für jeden Unternehmer.

Viele reden inzwischen von einer zweiten Welle: Wäre ein zweiter Shutdown für die Branche denkbar?
Freiwillig auf keinen Fall. Das wäre tödlich, zumindest bundesweit. Die Lösung kann bei einem Ansteigen der Infektionszahlen nur in regionalen Maßnahmen bestehen. Denn wenn in irgendeinem Eck in Österreich wieder mehr Coronafälle auftreten, warum soll ich dann ganz Österreich herunterfahren? Also einen zweiten Shutdown verkraftet die Branche sicher nicht.

Ist eine Lösung für die Nachtgastronomie in Sicht? Derzeit stehen die Signale ja eher wieder auf Verschärfung.
Im Moment ist es sicherlich schwierig. In Oberösterreich etwa, wo ja gerade wieder die Maskenpflicht eingeführt wurde, sind volle Diskos bis 4 Uhr früh ohne spezielle Sicherheitskonzepte derzeit nur schwer vorstellbar.

Nachdem eine Impfung in frühestens einem Jahr verfügbar sein wird – viele Experten rechnen sogar eher mir 2022 oder 2023 – wie wird sich ein jahrelanger Spagat zwischen Shutdown, Maskenpflicht, Grenzschließungen, etc. auf unsere Branche auswirken?
Wie schon gesagt, wir müssen jetzt alles unternehmen, um den Betrieben in allen Bereichen zu helfen. Das betrifft eine Senkung der – Österreich ist leider ein Hochsteuerland – Steuer- und Abgabenquote und eine Erhöhung der Eigenkapitalquote. Jede Form von Steuererhöhung oder eine auch nur ansatzweise Verkürzung der Arbeitszeit, ist abzulehnen. Das sind Retro-Ideen, die uns nicht weiterbringen. Das gilt auch für eine Vermögenssteuer. Und wenn diese Krise einen einzigen positiven Aspekt hat, dann dass man sieht, wie viele andere Bereiche, andere Branchen noch am Tourismus hängen, vom Gewerbebetrieb bis zum Bäcker. Man hat endlich die Bedeutung des Tourismus für unsere Gesellschaft bemerkt. Ohne diese Betriebe bricht nämlich wirklich das Alltagsleben zusammen. Ohne den Tourismus schaut’s finster aus in Österreich.

Befürchten Sie einen Imageschaden für Ischgl?
Ich bin ein Gegner davon, dass man mit dem Finger auf irgendwelche Regionen zeigt. Das bringt uns nicht weiter. Fehler können passieren. Die Leute sind jetzt generell vorsichtiger geworden. Mit einem längerfristigen Imageschaden rechne ich nicht. Österreich war und ist eines der schönsten, saubersten und sichersten Urlaubsländer der Welt. Das wollen wir etwa mit der Aktion „Sichere Gastfreundschaft“ auch nach außen transportieren. An uns liegt es jetzt, uns als sicheres Gastgeberland zu präsentieren. Dazu zählt etwa das regelmäßige Testen aller Tourismusmitarbeiter. Aber natürlich müssen wir immer auch an die Eigenverantwortung der Gäste appellieren. Ohne die geht es nicht.

Wie sieht es derzeit an der Mitarbeiterfront aus? Eigentlich müssten aktuell genügend Arbeitssuchende auf dem Markt sein. An der Problematik hat sich aber wenig geändert, hört man von vielen Hoteliers. Ist eine Anhebung von AMS- oder Notstandsgeldern das richtige Signal?
Das Problem ist, dass viele Leute noch in der Kurzarbeit und im Homeoffice geparkt sind und noch nicht die volle Arbeitsverpflichtung haben. Da muss man wohl noch abwarten. Deswegen bin ich auch ziemlich kritisch gegenüber einer allgemeinen Anhebung des Arbeitslosengeldes eingestellt, denn wenn der Unterschied zwischen Arbeitslosengeld und dem Verdienst bei einem Vollzeitjob zu gering ist, ist das für die Motivation zur Arbeitssuche nicht unbedingt dienlich. Als Unternehmer bin ich ein Anhänger des Spruches „Leistung muss sich lohnen“ und die Leistung lohnt sich irgendwann eben nicht mehr. Mit der angekündigten 450-Euro-Einmalhilfe kann ich leben, aber eine generelle Erhöhung von AMS- und Notstandshilfegeld ginge in die falsche Richtung.

 

Zur Person:

Robert Seeber wurde 1955 in Linz geboren. Seit 1980 hat er gemeinsam mit seiner Ehefrau Elfriede mehrere gastronomische Firmen aufgebaut, u.a. den Promenadenhof in Linz. 2008 gründete er anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2009 in Linz die Gastronomie- und Hoteliervereinigung Hotspots mit heute 65 Mitgliedern und etablierte mit dem Culinary Art Festival das größte Gourmetfestival Österreichs.

Seeber wurde am 26. Juni 2020 zum Bundesspartenobmann der Bundessparte Tourismus- und Freizeitwirtschaft gewählt. Er ist auch seit 2009 Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der WKO OÖ, Mitglied des Fachverbandes Gastronomie, Delegierter zum Österreichischen Wirtschaftsparlament (seit 2014) und Vorsitzender des Strategieboards – Oberösterreich Tourismus (seit 2013). In den Bundesrat eingezogen ist Seeber im Juli 2016, im ersten Halbjahr 2020 in der Funktion des Präsidenten.

 

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