Interview

„Das ist doch alles totaler Blödsinn!“

Mario Pulker, Obmann des Fachverbandes Gastronomie in der Wirtschaftskammer Österreich, nimmt im HOGAPAGE-Gespräch zu einer eventuell verpflichtenden Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln in der Gastronomie Stellung.

Freitag, 23.08.2019, 09:43 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
Mario Pulker

Für Mario Pulker ist eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln in der Gastronomie ein absolutes No-Go. (© WKNÖ)

HOGAPAGE: Herr Pulker, dieser Tage wurde wieder mal eine Initiative gestartet für eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmittelnin der Gastronomie und laut Umfragen unterstützten sowohl alle politischen Parteien wie auch die Mehrheit der Bevölkerung diese Forderung angeblich. Sieht die Gastronomie diesen Vorstoß auch positiv?
Mario Pulker: Naja, das sind solche Umfragen wie „Wollen Sie die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich?“ oder „Wollen wir Energie nur mehr aus erneuerbaren Quellen?“ – da wird auch die Mehrheit „ja“ sagen. Aber das ist doch in Wirklichkeit eine unsachliche Diskussion. Man muss sich ja nur anschauen, wer dieses Thema jetzt wieder angestoßen hat: Dieser Sebastian Bohrn-Mena kommt aus dem Nichts und dort sollte er auch bleiben. Der versucht halt mit allen Mitteln Aufmerksamkeit zu erlangen, um sein eigenes politisches Überleben zu sichern.
Natürlich kann ich jetzt sagen „Schweinefleisch aus Holland ist pfui“. Aber auch dort gelten EU-Richtlinien zu Tierhaltung und Fleischqualität und wenn diese Richtlinien erfüllt werden, warum schimpfe ich nachher drauf? Außerdem bietet ja auch jedes Land besondere Spezialitäten an. So zu tun, als ob es außerhalb Österreichs oder der Region keine gute Qualität gibt, ist doch Blödsinn.

Wieweit ist denn Österreich von Lebensmittel-Importen überhaupt abhängig?
Das ist ja das nächste: Bei Fisch etwa haben wir eine Eigendeckung von etwa acht Prozent. Klar müsste man jetzt überall draufschreiben, dass der Fisch nicht aus Österreich stammt, aber was kann der Gastronom dafür, wenn Österreich zu wenig Fische produziert? Wir können auch nichts dafür, dass bei uns zu wenige Gänse und fast keine Puten mehr gezüchtet werden. Da liegen wir überall bei deutlich unter einem Drittel Eigenversorgung. Selbst bei den Schweinen: Wenn jetzt ein Züchter sagt „es herrscht so eine große Nachfrage, ich stocke von 100 auf 200 Schweine auf“ – das Betriebsanlagen-Genehmigungsverfahren schaue ich mir an. Jeder sagt, dass regionale Produkte super sind, aber die Schweinemast bitte nicht bei ihm, sondern in der Nachbarortschaft. Das Ärgerliche bei der Diskussion ist daher, dass hier argumentiert wird, ohne die echten Fakten dahinter zu kennen.

Wie preissensibel ist den der österreichische Gast beim Essen überhaupt? Wären höhere Preise für höhere Qualität überhaupt durchsetzbar?
Eben schwer. Mich hat grad ein Kollege aus dem Waldviertel angerufen, der bei der Ausschreibung für eine Kindergartenverpflegung mitgemacht hat. Der hat angeboten, komplett auf Bio umzustellen und dafür pro Menü einen Aufpreis von 50 Cent verlangt. Der Elternbeirat hat abgelehnt. Noch Fragen? Ja sicher, wenn ich jemanden frage, wird er immer sagen, er will am liebsten regionale Produkte in bester Qualität haben – aber zahlen will er in Wirklichkeit den Preis für die Industrieware. So kann man dann also auch die oben zitierte Umfrage interpretieren.

Es kam ja auch schon etwa seitens der Arbeiterkammer die Forderung auf, dass neben der Herkunft auch die Tierwohlstandards und Produktionsbedingungen verpflichtend angeführt werden. Dazu die bereits verpflichtenden Allergenkennzeichnungen, vielleicht noch eine Nährwertampel für Zucker, Fett und Salz – ob diese Speisekarten noch Appetit machen?
Das ist doch alles totaler Blödsinn und Schwachsinn! Mit den Genussbetrieben und der Wirtshauskultur bemühen wir uns ja ohnehin, die Kooperationen zwischen Gastronomie und Produzenten zu stärken. Aber mit solchen Initiativen zerstört man die gute Gesprächsbereitschaft und Zusammenarbeit.

Und es wäre wieder ein Stück Bürokratie mehr?
Auch das. Unsere Betriebe sind ohnehin schon hochsensibel in dem Bereich. Eine Kennzeichnungspflicht würde alles sprengen, was es bisher an bürokratischer Belastung gibt. Oft weiß man ja beim Einkauf nicht einmal, wo ein bestimmtes Produkt her ist. Oder der Koch kauft einmal das Rindfleisch aus den USA und einmal aus Argentinien. Soll er deswegen seine Speisekarte auch gleich neu schreiben müssen?
Wir haben uns das bei unseren Kollegen in der Schweiz angesehen. Die haben teilweise eine vereinfachte Kennzeichnungspflicht und für die ist das der blanke Horror. Die laufen Sturm dagegen und wollen das unbedingt wieder weghaben.

Die Gastronomie lehnt eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung demnach ab?
Absolut! In der Praxis ist das alles nicht durchführbar. Und wenn es jetzt heißt, dass alle politische Parteien für die Kennzeichnung sind, um die österreichischen Produzenten zu stärken, dann sollen sie bitte den Mercosur-Pakt (geplantes Freihandels-Abkommen zwischen der EU und Lateinamerika, Anm. d. Red.) nicht unterzeichnen.
Und außerdem ist der Gast ja ein mündiger Mensch mit Eigenverantwortung. Wenn ich heute also in einem Lokal wissen möchte, wo das Fleisch für das Schnitzel herkommt, dann kann ich ja nachfragen.

 

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