Prognose

Feierabend für den Fischgenuss: Für wen in 35 Jahren kein Fisch mehr da ist

Eine neue WWF-Studie zeigt: Fischessen könnte für den globalen Süden in 35 Jahren Vergangenheit sein – trotz steigender Wildfischbestände. Woran liegt das?

Mittwoch, 11.01.2017, 12:11 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein
Person wirft Fischernetz aus

© lovegtr35/Fotolia

Wieviel Meeresfisch kann im Jahr 2050 nachhaltig gefangen werden? Reicht diese Menge für alle Menschen? Das analysierten und berechneten Wissenschaftler der Universität Kiel im Auftrag des WWF. Sie kamen zu einer alarmierende Prognose: Die Bewohner von Entwicklungs- und Schwellenländern können sich im Jahr 2050 keinen Fisch mehr leisten. Statt dieses wichtige Grundnahrungsmittel zu essen, werden sie Fisch exportieren müssen.

„Wenn wir es richtig angehen, werden wir in 35 Jahren mehr Fisch sowohl im Ozean als auch in den Netzen haben. Allerdings wird der gefangene Fisch sehr wahrscheinlich nicht dort landen, wo die Menschen ihn zum Überleben brauchen“, so Karoline Schacht, Fischereiexpertin des WWF und Co-Autorin der Studie. „Obwohl wir also im besten Fall mehr Wildfisch zur Verfügung haben, könnten in Zukunft weniger Menschen davon profitieren. Wir müssen Fisch gerechter verteilen.“

Für die Versorgung des Weltmarktes mit Fisch spielen Entwicklungsländer eine immer größere Rolle. Rund 61 Prozent des weltweiten Fischexports stammen aus Ländern des globalen Südens. Gleichzeitig ist in diesen Ländern die Abhängigkeit von Meeresfisch als Nahrungsmittel und Proteinquelle viel höher als beispielsweise in Europa. „Mit der Weltbevölkerung wächst auch ihr Fischbedarf. Weniger Fisch wäre vor allem für jene 800 Millionen Menschen eine Katastrophe, für die Fisch die wichtigste Proteinquelle oder ihr wirtschaftliches Standbein ist“, warnt Schacht.

Auch der Zustand der Fischbestände in Europas Gewässern müsse drastisch verbessert werden, um die Importabhängigkeit des europäischen Marktes zu verringern. Europa importiert knapp ein Fünftel des weltweit gehandelten Fisches.

Dabei kommt der Fangmenge eine große Rolle zu. Seit Jahrzehnten stagniert sie bei rund 100 Millionen Tonnen. Die Wissenschaftler sehen Chancen, dass sie sich auf 137 Millionen Tonnen steigern lässt. Voraussetzungen dafür:

  • ein verbessertes weltweites Fischerei-Management,
  • besserer Schutz der Meeresumwelt,
  • Schutz der Biodiversität und der marinen Lebensräume.

An die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland und Europa appelliert der WWF, Fisch als Delikatesse und nicht als alltägliches Konsumgut zu betrachten. Beim Kauf sollten sie sich für nachhaltige Produkte nach Empfehlung des WWF Fischratgebers entscheiden.

Jeder zweite weltweit verzehrte Fisch stammt derzeit aus Zuchtanlagen. Allerdings sind Zuchtfische zu 90 Prozent Süßwasserarten. Für die Ernährungssicherheit der Küstenbevölkerung in Entwicklungsländern spielt Fisch aus Zuchten kaum eine Rolle. Marine Aquakultur ist so teuer und aufwändig, dass sie vor allem für die Märkte der Industriestaaten betrieben wird. Und auch das enorme Wachstum des Aquakultursektors verursacht Umweltschäden.

Die Studie  „Überfischt und unterversorgt – Wieviel Fisch wir in Zukunft fangen und wer ihn essen  wird“ wurde im Rahmen des EU-kofinanzierten WWF-Projekts „Fish Forward“ erstellt. Fish Forward schafft in 11 EU-Ländern Bewusstsein für die ökologischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen des europäischen Fischkonsums – vor allem auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern.

(dpa/ph)

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