Miniserie Rentenplanung, Teil 2

Anlageform Aktien: Das Wichtigste zum Aktienmarkt

In unserer neuen Miniserie zur Rentenplanung wollen wir Einblicke in die verschiedenen Kapitalmärkte geben und Basiswissen über mögliche Anlageformen vermitteln. In diesem Kapitel: ein Überblick zu Aktien und Aktienfonds, Fragen und Antworten.

Mittwoch, 13.01.2021, 15:27 Uhr, Autor: Willi Froschauer
Detail einer Kurve eines Aktienkurses

Aktien gelten als die Anlage mit der besten Kombination von Rendite und Risiko – langfristig betrachtet. (Foto: ©seewhatmitchsee/stock.adobe.com)

Vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Überlegungen „Was ist mein Anlageziel, mein Anlagehorizont und über welche finanziellen Mittel verfüge ich?“ wurde im Einführungsartikel der Miniserie zur Rentenplanung zunächst skizziert, was die bekanntesten Finanzprodukte sind, welche Risiken damit im Wesentlichen verbunden sind und welche Finanzprodukte im Folgenden etwas genauer unter die Lupe genommen werden. In den folgenden Beiträgen werden nun die einzelnen Finanzprodukte, wie z.B. aktiv gemanagte Aktienfonds, ETF`s, einzelne Aktien, Rentenpapieren, dargestellt. Anschließend geht es um die Kriterien für eine individuelle Anlagestrategie und Themen wie die Wahl eines geeigneten Wertpapierkontos.

WICHTIGES VORAB: Für eine aktive individuelle Rentenplanung sollten Sie sich im Klaren sein, dass ein Grundwissen über die Finanzmärkte und deren einzelne Produkte VOR jeder Anlage unverzichtbar ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie ein Anleger sind, der sich mehr für Anlageformen interessiert, die eine größere Risikostreuung haben, wie z.B. aktiv gemanagte Fonds oder ETF`s, oder ob Sie ein Anleger sind, der sein Wissen und seine Risikofreudigkeit lieber durch den Kauf einzelner Aktien oder Anleihen austoben möchte.

Ohne ein gewisses Grundverständnis für die Finanzmärkte kann es passieren, dass

  1. man sich von Fachleuten beraten lässt, die u.U. mehr an der Erzielung einer Provision und einer Kundenbindung interessiert sind, als an dem Wohl der Kunden. Nur ein Beispiel: Selbst zu Beginn der Corona-Krise wurden noch fleißig Aktienfonds empfohlen, obwohl niemand wusste, wohin die Reise gehen wird. Dass es bei Ausbruch einer Pandemie nach oben geht, glaubt wohl selbst der größte Optimist nicht.
  2. man einiges verpasst. Ist es denn nicht interessant, viele Begriffe und Zusammenhänge der Finanzwelt endlich einmal selbstzuverstehen und zuordnen zu können? Diese Miniserie liefert auch relevante betriebswirtschaftliche und makroökonomische Informationen und beschränkt sich nicht nur auf Tipps, wie man beim Kauf von Finanzprodukten rein organisatorisch vorgeht.

 

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DER AKTIENMARKT

EIN ÜBERBLICK – FRAGEN UND ANTWORTEN

Was versteht man unter einem Finanzmarktund welche Arten von Finanzmärkten gibt es?
Unter Finanzmarkt versteht man alle Märkte, auf denen Finanzmittel gehandelt werden – im Gegensatz zu den Gütermärkten. In der klassischen Einteilung gibt es:

  • den Geldmarkt: Hier treffen Angebot und Nachfrage nach verzinslichen Anlagen mit einer Laufzeit von max. 2 Jahren aufeinander. Die Akteure auf diesem Markt sind vor allem die Banken, also Geschäftsbanken wie die Commerzbank und die Zentralbank, deren Hauptaufgabe es ist, die Kaufkraft zu sichern, also weder Inflation noch Deflation zuzulassen.
  • den Kapitalmarkt: Hier treffen Angebot und Nachfrage nach mittel- und langfristigem Kapital (mindestens 2 Jahre Laufzeit) von Staat, Unternehmen und Haushalten aufeinander. Hierzu gehören u.a. der Aktienmarkt und der Markt für langfristige Kredite, z.B. Staats- und Unternehmensanleihen.
  • den Devisenmarkt: Hier treffen Angebot und Nachfrage zwischen in- und ausländischen Währungen (z.B. dem Euro und dem Dollar) aufeinander.

WICHTIG:Je nach Risikobereitschaft und Anlagehorizont bieten sich verschiedene Produkte auf verschiedenen Finanzmärkten an. Selbst wenn man sich für eine Anlageform auf einem Finanzmarkt entscheidet, bestehen Wechselwirkungen zwischen allen Finanzmärkten, die man kennen sollte.

Was ist eigentlich eine Aktie?
Aktien gehören zur Gruppe der Teilhaberpapiere. Ein Aktionär ist Inhaber eines solchen Teilhaberpapieres und damit Miteigentümer an einer AG – im Gegensatz zu Gläubigerpapieren wie Staatsanleihen. Ein Aktionär hat bestimmte Rechte, die von der Aktienart abhängen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, Aktien einzuteilen. Die wichtigste für Anlageentscheidungen ist die Einteilung in Stammaktien und Vorzugsaktien. Von manchen Aktiengesellschaften gibt es sowohl Stamm-, als auch Vorzugsaktien, wobei die weitaus häufigere Form die Stammaktie ist.

Ein Stammaktionär hat die „typischen Rechte“ eines Aktionärs wie z.B.:

  • Gewinnbeteiligung, d.h. Anspruch auf einen Anteil am Gewinn bzw. Jahresüberschuss (= Dividende), falls eine Dividende ausgeschüttet wird.
  • Stimm- und Auskunftsrecht in der Hauptversammlung, also der Versammlung der Aktionäre.

Ein Vorzugsaktionär hingegen hat i.d.R. kein Stimmrecht, erhält dafür aber mehr Dividende. Das führt i.d.R. dazu, dass die Kurse von Stammaktien und Vorzugsaktien ein und derselben AG z.T. immense Kursunterschiede aufweisen.

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren wollte Porsche VW übernehmen. Dazu brauchte Porsche die Mehrheit der Aktien, die stimmberechtigt sind, also die Mehrheit der Stammaktien, damit sich Porsche in den Hauptversammlungen von VW (der Versammlung der VW-Aktionäre) die Mehrheit für die eigenen Ziele sichern kann. Also stieg die Nachfrage nach VW-Aktien, die Kurse der Stammaktien versiebenfachten sich in relativ kurzer, während der Kurs der VW-Vorzugsaktien ungefähr dablieb, wo er schon vor dem Übernahmeversuch war.

Will man also einzelne Aktien und keine Fondsanteile kaufen (beim Kauf von Fondsanteilen muss man diese Entscheidung nicht selbst treffen, die Entscheidung wird dort von einem Fondsmanager getroffen), sollte man sich zuvor informieren, ob es von dem Unternehmen Stamm- und Vorzugsaktien gibt. Einer höheren Dividende bei Vorzugsaktien steht demnach die Chance auf deutliche Kursgewinne bei Stammaktien im Falle einer feindlichen Übernahme gegenüber.

Warum sind Aktienmärkte so interessant für Anleger?
Deutschland gilt als ein Land von „Aktienmuffel“ – nur ca. 10 % des Vermögens der Deutschen ist in Aktien investiert. Der Großteil ist vor allem in Sparbüchern, Bausparplänen, Festgelder und Lebensversicherungen gebunden oder liegt einfach nur „tot“ auf dem Girokonto.

Aktien gelten jedoch nach Meinung der meisten Experten als die Anlage mit der besten Kombination von Rendite und Risiko, zumindest über einen längeren Zeitraum.

Die Bedeutung des Aktienmarktes zeigt ein Beispiel:
2019 betrug der Börsenumsatz (Anzahl der gehandelten Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs (= Preis) der weltweit gehandelten Aktien 120 Billionen US-Dollar. Die Marktkapitalisierung (diese wird berechnet, indem man die Anzahl der existierenden Aktien mit ihrem Preis [also Kurs] multipliziert) weltweit belief sich am Jahresende 2019 auf 43,27 Billionen US-Dollar. Im Superjahr 2015 betrug der weltweite Börsenumsatz gar 152,7 Billionen US-Dollar, die Marktkapitalisierung 79,23 Billionen US-Dollar. Die Größen Marktkapitalisierung und Börsenumsatz sind nicht nur die Größen, in denen die Aktivitäten auf Aktienmärkten ausgedrückt werden, nach ihnen bestimmt sich auch, wie sich Börsenindices (wie der DAX) zusammensetzen. Das wiederum ist mitentscheidend für die Auswahl sowohl von aktiv gemanagten Aktienfonds, wie auch ETF`s auf Aktienindices.

Seit 1980 ist der Aktienhandel sehr stark gestiegen, ein Indiz dafür, wo viele Anleger ihre Prioritäten in den Finanzmärkten setzten. Gleichzeitig ist die Haltedauer von Aktien massiv gesunken. Was bedeutet das?

  1. Dass die alte Regel der wohl bekanntesten Börsenlegende des letzten Jahrhunderts – Andre Kostholany – Aktien billig zu kaufen, dann einen mehrjährigen Winterschlaf halten, um dann nach einigen Jahren „quasi selbstverständlich“ Aktienkursgewinne abzusahnen – wohl von immer weniger Anlegern ernst genommen wird.
    Ein Grund hierfür dürfte sein, dass sich seit dem Ableben Kostholany`s 1999 die Entwicklung v.a. im Technologiesektor rasant beschleunigt hat, also v.a. die Entwicklung in den Bereichen E-Commerce, Elektroautomobilität, alternative Energien, Biotechnologie, 3D-Drucker, Nanotechnologie, Internetaktien, künstliche Intelligenz, Smartphones und im weitesten Sinne auch von Social Media wie Facebook. Natürlich sind daher viele Aktienkurse in diesem auch als „New Economy“ bezeichneten Bereich innerhalb kurzer Zeit explodiert, sodass viele Anleger die Chance genutzt haben, mehrere hundert oder tausend Prozent an Gewinnen „mitzunehmen“. Dieses schnelle „rein und raus in Finanzprodukte“ (auch „trading“ genannt) scheint daher für immer mehr Anleger verlockender geworden zu sein, als der Empfehlung des „Großmeisters“ Kostholany zu folgen.
  2. Außerdem sehen natürlich manche Anleger auch das Risiko, dass die technologische Errungenschaft von heute quasi schon morgen von der nächsten abgelöst wird und machen sicherheitshalber Kasse.

Konservative“ Aktien (auch „defensive Aktien“ oder Aktien der „Old Economy“), wie Aktien von Stromversorgern, Einzelhandelsketten, des Telekommunikationssektor, Finanzaktien, Konsumgüteraktien von Sportbekleidungsherstellern oder Tabakherstellern etc., machen i.d.R. keine solchen Kurssprünge. Hier bewegt sich meist alles in überschaubarem Rahmen. Großartige revolutionäre Erfindungen oder andere Gründe für Kursgewinne wie im Technologiesektor gibt es hier in der Regel nicht.

Ein Beispiel für die rasante Kursentwicklung mancher New Economy Werte ist z.B. die Aktie von Amazon, deren Kurs seit 1997 um das ca. 1.400–Fache gestiegen ist. Das entspricht einer Kurssteigerung um ca. 140.000 % (Stand Dezember 2020). Das ist immens, auch wenn die Frage erlaubt ist, wer diese Entwicklung dann auch wirklich ausgesessen hätte. Hat man dagegen eine Beteiligung an einem „Aktienkorb“ erworben, wird man die Entwicklung der einzelnen darin enthaltenen Aktien wohl kaum verfolgen und daher nicht versucht sein, die Beteiligung schnell wieder zu verkaufen.

ÜBRIGENS: Groß angelegte Untersuchungen haben den Erfolg von Kostolanys Börsenweisheit bestätigt: Wer gute Aktien zu einem „guten Zeitpunkt“ billig kauft, dabei breit streut und dann über einen Zeitraum von 10 –15 Jahren liegen lässt, kann wohl ruhiger schlafen und eine gute Rendite einfahren.

Natürlich gibt es auch Anleger mit Einzelkämpfernatur, die auf eigene Faust einzelne Aktien kaufen, traden und dabei deutlich besser abschneiden als hätten sie einen Fondsanteil gekauft. Aber selbst, wenn man einen hohen Gewinn erzielt hat, war es den hohen Zeitaufwand und das manchmal auch nervenaufreibende Traden wert? Denn oft muss man eine Aktie, die man mit Gewinn verkauft hat, teurer wieder nachkaufen, weil der Börsenkurs mittlerweile gestiegen ist. Das senkt die Rendite und kostet Nerven.

 

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