Interview

Nachwuchsmangel: „Ausbildungsqualität ist entscheidend“

Das Thema ist alt, aber aktuell. Der Personal- und Nachwuchsmangel im deutschen Gastgewerbe. Warum hält er sich so hartnäckig und wie lässt er sich lösen? Wir haben Ester Pauly, Verantwortliche im Bereich Öffentlichkeitsarbeit im Gastronomischen Bildungszentrum Koblenz gefragt.

Donnerstag, 16.11.2017, 14:19 Uhr, Autor: Markus Jergler
Ester Pauly erklärt im HOGAPAGE Interview wie Betriebe mehr Auszubildende anlocken können. (Foto: P!ELmedia)

Ester Pauly erklärt im HOGAPAGE Interview wie Betriebe mehr Auszubildende anlocken können. (Foto: P!ELmedia)

Als Verantwortliche im Bereich Öffentlichkeitsarbeit des gastronomischen Bildungszentrums Koblenz haben sie genaue Einblicke in die Entwicklung der Azubi-Zahlen. Wie hat sich die Lage in den vergangenen Jahren entwickelt?
Immer mehr Ausbildungsbetrieben fällt es schwer, die angebotenen Ausbildungsplätze zu besetzen. Häufig erhalten Betriebe überhaupt keine Bewerbungen mehr, wie aus der DIHK Ausbildungsumfrage von 2017 hervor geht. Die Ausbildungsbilanz des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands zeigt, dass die Ausbildungszahlen seit 2007 im Gastgewerbe kontinuierlich abnehmen.

Sie stehen in persönlichem Kontakt zu Ausbildern, Dozenten und Schülern, welche Gründe werden für das schlechte Image der Gastronomie am häufigsten genannt.
Sicherlich spielen Arbeitszeiten und Verdienstmöglichkeiten eine Rolle, wenn es darum geht, den passenden Beruf zu finden. Immer wieder begegnen mir aber auch sehr engagierte junge Menschen, die gerne Gastgeber sind und aus Überzeugung eine Ausbildung in der Hotellerie machen möchten. An diesem Punkt sollten Arbeitgeber ansetzen und angehenden Auszubildenden zeigen, welche Perspektiven das Unternehmen bietet. Da es im Gastgewerbe deutlich mehr Ausbildungsplätze als Azubis gibt, können Schulabgänger zwischen zahlreichen Ausbildungsbetrieben wählen. Das Unternehmen mit dem größten Potenzial wird das Rennen machen. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Ausbildungsqualität bei jungen Menschen zunehmend Entscheidungskriterium ist. Die Möglichkeiten sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren, werden von vielen Unternehmen der Branche nicht ausreichend genutzt.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf, um das Gastgewerbe in personeller Hinsicht fit für die Zukunft zu machen?
Gastronomen sind Dienstleister und werden deshalb auch zukünftig auf qualifiziertes Personal angewiesen sein. Sicher lassen sich einige Lücken durch Aushilfstätigkeiten schließen, Fachpersonal kann über diesen Weg aber kaum ersetzt werden. Deshalb ist es wichtig, dass Vorgesetzte wertschätzend mit Auszubildenden umgehen und diesen auch eigenverantwortliche Aufgaben übertragen. Erfolg ist ein guter Motivator – ein guter Chef ist, wer seinen Auszubildenden Aufgaben überträgt, die den Fähigkeiten entsprechen, so dass die Arbeitsergebnisse überzeugen. Das setzt gute Teamarbeit voraus und Hierarchien, die zulassen, dass sich jeder Mitarbeiter mit seinen Talenten einbringen darf und sich als Teil des Unternehmens versteht.

Glauben Sie, dass kleinere Betriebe gegenüber großen Konzernen im Nachteil sind, was Mitarbeitergewinnung und –bindung angeht? Wenn ja, was können diese Betriebe tun, um mit großen Firmen Schritt zu halten?
Die Aufstiegsmöglichkeiten in Konzernen sind oft sehr gut. Kleine Betriebe haben aber keinen Nutzen davon, wenn sie diese Situation beklagen. Es gilt viel mehr, kreative Wege zu suchen und zu finden, denn auch in kleinen Unternehmen können Auszubildende viel vom Chef lernen. Das bedeutet aber auch, dass Vorgesetzte Zeit in die Ausbildung investieren und vielleicht auch Bildungsunionen mit Wettbewerbern schließen. Ein Auszubildender aus einem Spitzenrestaurant interessiert sich möglicherweise für Abläufe in einem Hotel oder wäre gerne Teil einer Mannschaft bei Großveranstaltungen eines Cateringunternehmens.

Welchen Rat möchten Sie jungen Menschen, die über eine Ausbildung in der Gastronomie nachdenken, persönlich mit auf den Weg geben?
Unbedingt mit dem Personalverantwortlichen sprechen, in welcher Form Ausbildungsinhalte vermittelt werden. Es sollte auch geklärt werden, ob es möglich ist, schon während der Ausbildung an Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen. Es gibt Branchen, da ist dies selbstverständlich. Es ist auch durchaus sinnvoll, wenn sich der Auszubildende schon im Vorfeld Gedanken macht, welche Position er im Gastgewerbe einmal erreichen will. Je klarer die Ziele sind, desto konsequenter können diese auch verfolgt werden. Dabei kann der zukünftige Ausbilder durchaus in die Pläne einbezogen werden, denn nur dann kann er darstellen, welchen Nutzen die Ausbildung im Rahmen der Karriereplanung haben kann. Eine Ausbildung im Gastgewerbe ist spannend und vielseitig, wenn die Chancen genutzt werden. (MJ)

Über Ester Pauly
Ester Pauly arbeitet seit 20 Jahren als Bereichsleiterin im Gastronomischen Bildungszentrum Koblenz. Aufgrund ihrer diätetischen Fachschulausbildung, unterrichtet sie im Rahmen der Aus- und Weiterbildungsangebote die Themen Ernährungslehre und Diätetik. Aufgabenschwerpunkt ist das Produktmanagement und die konzeptionelle Entwicklung der Seminarangebote im Themenbereich Diätetik. Für die gesamte Bildungseinrichtung kümmert sie sich zudem um die Pressearbeit.

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