Ausbildungsbeginn

Individuelle Begleitung: Wie Unternehmen Nachwuchs stärken

Auszubildender Koch bekommt Hilfe von einem älteren Koch
Für Unternehmen ist es wichtig, individuell auf ihre Azubis einzugehen. (Foto: © Aunging/stock.adobe.com)
Tausende junge Menschen starten dieser Tage ins Berufsleben. Viele Unternehmen gehen heute stärker als früher auf die Belange der Nachwuchskräfte ein. Wie auch die Betriebe davon profitieren.
Dienstag, 02.09.2025, 12:24 Uhr, Autor: Sarah Hoffmann

Stress, persönliche Herausforderungen oder auch Konflikte im Team, oder mit Ausbildern: Auf Nachwuchskräfte in Firmen kann neben neuem Lernstoff einiges einprasseln. Unternehmen gehen zunehmend darauf ein und stellen ihnen Betreuung zur Seite. 

Der Gesprächsbedarf sei ganz unterschiedlich, berichtet Psychologin Lorina Umstätter, die seit diesem Jahr beim Karlsruher Energiekonzern EnBW und seiner Tochter Netze BW Auszubildende und dual Studierende unterstützt. „Bei einigen haben wir mehrere Sitzungen.“ Anderen helfen sie mit Kontaktdaten für Hilfsangebote und Anlaufstellen weiter.

„Manchmal geht es auch erst mal nur um den Austausch mit einer neutralen Person“, sagt Wagner. Die Gespräche seien immer vertraulich. „Wir sprechen nur mit anderen, wenn die Betroffenen das wollen.“

„Junge Leute kommen in eine anspruchsvollere Welt als früher“

Der Bedarf an solchen Angeboten sei in den vergangenen Jahren in gleichem Maße wie die Belastungen gestiegen, sagt Martin Klein, 1. Vorsitzender des Bundesfachverbands Betriebliche Soziale Arbeit. Gerade seit auch offener über Ängste, Nöte und Sorgen gesprochen werde. Die Corona-Pandemie habe zudem das Problem fehlender sozialer Unterstützung deutlich gemacht.

Viele Firmen böten solche Hilfen an, machten es aber nicht unbedingt publik. Sie leisteten sich das freiwillig, weil sie selbst davon profitieren: „Wenn Sie kein Netzwerk haben, sind Sie nicht in der Lage, Leistung zu bringen“, sagt Klein.

„Junge Leute kommen in eine anspruchsvollere Welt als früher“, betont der Experte. Die Generation bekomme mit, dass es überall Krisen gebe und immer wieder eine neue hinzukomme. Zudem spiele sich mehr in der digitalen Welt ab. „In Betrieben fällt dann auf einmal auf, dass es da Probleme gibt“, schildert Klein. Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter eine Viertelstunde auf dem Klo zocke, bis ihn die Kollegen suchen. „Dann merkt man erst, dass er spielsüchtig ist.“

Konflikte mit dem Arbeitgeber oder Vorgesetzten könne es auch beim Umgang mit Hilfsinstrumenten wie Künstlicher Intelligenz geben, wenn etwa wie selbstverständlich vertrauliche Daten in die Programme gespeist werden. Das seien Fälle, „wo der Meister den Azubi nicht mehr versteht“.

Augenmerk nicht nur auf Fachexpertise, sondern den Menschen 

Das breite Themenspektrum liegt an einem generellen Wandel, wie bei der EnBW Ausbildungsleiter Karsten Wagner sagt. Heute starte der 16-Jährige, der noch bei den Eltern wohnt, gemeinsam mit der 30-jährigen Alleinerziehenden ins Berufsleben. „Früher war die Range kleiner.“ Heutzutage gehe es hier um Kinderbetreuung, da um Fahrgemeinschaften. Andere arbeiteten im Homeoffice und hätten beispielsweise kein eigenes Arbeitszimmer als Rückzugsort.

Themen, die nicht unbedingt ins Portfolio von Ausbildern gehören. „Da kommen wir an unsere Grenzen“, sagt er. Daher habe sich der Konzern 2019 auf den Weg gemacht, die Ausbildung stärker zu individualisieren, persönliche Belange der derzeit rund 1.100 Nachwuchskräfte noch mehr in den Fokus zu nehmen. 

Es geht um Anerkennung, Wertschätzung, Vertrauen und Zutrauen.

Karsten Wagner, Ausbildungsleiter

Ein Jugendlicher arbeite in der Ausbildung plötzlich an der Werkbank, nachdem er zu Hause vielleicht nie die Bohrmaschine in die Hand nehmen durfte. Nur: „Der Umgang mit Menschen wird dir nicht beigebracht.“ Daher hätten viele der Ausbilder eine Coaching-Fortbildung gemacht.

Große Nachfrage nach Förderprogramm

Ähnliche Angebote gibt es nicht nur direkt bei Unternehmen. So bietet die Bundesagentur für Arbeit (BA) das Förderprogramm „Assistierte Ausbildung“. Ausbildungsbegleiter helfen, eine Ausbildung zu finden oder abzuschließen. Zum Beispiel könne es darum gehen, in der Berufsschule am Ball zu bleiben, einen privaten Streit zu klären oder ein Problem im Betrieb zu lösen – bei Bedarf inklusive sozialpädagogischer Begleitung. 

Das für Auszubildende und deren Betriebe kostenlose Angebot ist nachgefragt: 2024 betrug die Zahl der Eintritte 48.100, nachdem sie in den beiden Vorjahren bei gut 31.000 lag. Dass es wirkt, zeigt laut einer Sprecherin eine Auswertung der Hochschule der BA: „So berichten die Teilnehmer von sozialer und fachlicher Weiterentwicklung während der Ausbildung sowie von einer Verbesserung ihrer berufsschulischen Leistungen um durchschnittlich 1,8 Schulnoten.“ Ein ähnliches Projekt bietet die Handwerkskammer Halle (Saale).

Die neue Herangehensweise, Ausbildung flexibler zu gestalten, sei ein Kraftakt gewesen, räumt Ausbildungsleiter Wagner bei der EnBW ein. Auch die Verantwortlichen hätten sich deutlich umstellen müssen. Aber das habe sich gelohnt: „Wir merken jetzt, dass die Zahnräder ineinandergreifen.“

(dpa/SAHO)

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