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Wie Hotels und Tourismusregionen mit exklusiven Fahrzeugangeboten neue Kunden anlocken

von Clemens Kriegelstein
Dienstag, 13.09.2016
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Motorräder
Jede Menge Fahrspaß auf zwei oder vier Rädern bieten die Hotels
Bergergut und Aviva in Oberösterreich. Foto: Aviva/Bergergut

Im Tourismus ist es in letzter Zeit en vogue, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen und allen Begriffen, die sich nicht strikt dagegen wehren, ein »Öko-« voranzustellen. Autofahren wird dabei von vielen Leuten ohnehin nur mehr als Notwendigkeit betrachtet, um einigermaßen bequem ins Urlaubsquartier zu kommen. Aber halt: Es gibt ein paar gallische Dörfer, die das Thema »Fahrzeug« nach wie vor von der positiv-emotionalen Seite betrachten, und es gibt mehr als genug Gäste, die in ihrem Urlaubsquartier statt aufs ökologisch korrekte Fahrrad lieber in ein PS-starkes Auto oder auf ein Motorrad wechseln und dabei Spaß haben.

Segway
Auch Segways stehen für Erkundungsfahrten zur Verfügung.
Foto: Aviva/Bergergut

Vom Segway bis zum R8 Spyder

Einer, der seinen Gästen schon seit vielen Jahren Fahrspaß auf zwei und vier Rädern angeboten hat, war der jüngst bei einem tragischen Bergunfall ums Leben gekommene Werner Pürmayer von den Hotels Bergergut und Aviva im oberösterreichischen Mühlviertel. Bereits 2002 startete er mit der Vermietung außergewöhnlicher Fahrzeuge, und heute bieten seine Hotels den Gästen mit einem Audi R8 Spyder sowie mehreren Harley-Davidsons, ­Vespas und Segways (inkl. Helmen und Schutzbekleidung) eine ganze Palette an Spaß-Gefährten zum Mieten an. Die Mietpreise betragen dabei etwa für den R8 zwischen 80 Euro (2 Stunden) und 200 Euro (ganzer Tag) plus zusätzlich 90 Cent pro gefahrenen Kilometer. Die Finanzierung läuft je nach Fahrzeug unterschiedlich. Einige Fahrzeuge werden über Kooperationen mit den Importeuren finanziert, andere sind Eigentum der ­Hotels.

Audi
Motorpower zum Ausleihen: für viele Gäste ein Grund einzuchecken.
Foto: Aviva/Bergergut

Spektakulär sollte es schon sein

»Für uns war diese Idee aus mehreren Gründen spannend: Einerseits wollen wir mit der Möglichkeit dieser Fahrzeugvermietung unseren Gästen ein weiteres Buchungs­argument in die Hand drücken, zweitens die Gästebegeisterung vor Ort heben – schließlich bietet sich das Mühlviertel und unsere Dreiländer-Destination einfach für Spritztouren an. Und drittens ist es für uns auch eine Möglichkeit, Zusatzeinnahmen zu generieren«, erklärte Pürmayer. Seiner Erfahrung nach nutzen etwa 25 Prozent der Gäste im Bergergut und zehn Prozent der Gäste im Aviva eines der Angebote auf zwei und vier Rädern – Jung wie Alt, Männer wie Frauen. Die deutlich unterschiedlichen Zahlen mögen daher resultieren, dass das Bergergut ein Pärchen-Romantikhotel ist, während sich das Aviva als Single-Hotel positioniert.

Roller
Weniger PS, doppelter Spaß – Rollertouren durch die einzigartige
Landschaft. Foto: Aviva/Bergergut

Dabei ist das heutige Fahrzeugangebot das Ergebnis jahrelanger Erfahrungen. »Wir waren früher etwas breiter aufgestellt, haben uns dann aber gerade bei den Autos für ein einziges spektakuläres Modell entschieden, das Lifestyle, Sport und Cabriofeeling vereint und das trotzdem zuverlässig funktioniert und wenig Probleme macht.« So gab es etwa mal einen Hardcore-Roadster österreichischer Provenienz im Programm. Aber der habe dann wohl doch den einen oder anderen weniger geübten Fahrer überfordert. »Unsere Unfallquote ist aber – natürlich nicht zuletzt dank intensiver Einschulung der Fahrer – verschwindend gering.« Im Fall des Falles beträgt der Selbstbehalt bei Unfällen etwa bei den Harleys 1.000 Euro und beim R8 Spyder 3.000 Euro. »Und natürlich muss jeder seine Radarstrafen selbst bezahlen«, lachte Pürmayer bei einem seiner letzten Interviews.

Auto AMG
»AMG for free« – von der Kooperation zwischen Kempinski und der
sport­lichen Edel-Abteilung von Mercedes profitieren nicht nur die
Gäste. Foto: Kempinski

AMG for free

Einen etwas anderen Weg gehen die deutschen Hotels Vier Jahreszeiten Kempinski München, Kempinski Berchtesgaden und Adlon Kempinski Berlin. Seit knapp einem Jahr existiert hier eine Kooperation mit AMG, der sportlichen Edel-Abteilung von Mercedes-Benz. Dadurch kommen Kempinski-Gäste in den Genuss, sich mit Modellen wie dem S 63 AMG oder GL 63 AMG zum Dinner oder ins Theater chauffieren zu lassen. Der Zweck dahinter: der üblicherweise durchaus solventen Hotelklientel Lust auf die High-End-Modelle des Stuttgarter Herstellers zu machen. Und zwar richtig: Denn den Kunden steht zusätzlich auch die Möglichkeit einer Probefahrt im Supersportwagen AMG GT S offen.

»Die Probefahrt ist für die Hotelgäste kostenlos und kann für eine Dauer von bis zu zwei Tagen festgelegt werden. Der dafür auszufüllende Fahrzeugbenutzervertrag schließt eine Haftpflicht- und Vollkaskoversicherung im Reparaturfall mit 1.000 Euro Selbstbeteiligung ein«, wie die PR-Verantwortliche von Kempinski, Carolin Grove, auf Anfrage von HOGAPAGE erklärt. Und weiter: »Die AMG-Kooperation kommt bei unseren Gästen insgesamt sehr positiv an. Natürlich ist der AMG GT S bzw. die Möglichkeit, ihn einmal selbst Probe fahren zu dürfen – egal ob auf der Maximilianstraße in München, den Panoramastraßen im Berchtesgadener Land oder durch die City von Berlin –, ein Magnet. Alle drei Häuser haben entsprechend viele Anfragen für eine Probefahrt.«

Für Kempinski eine besonders lohnende Art, den eigenen Gästen einen Mehrwert mit über 500 PS anzubieten, denn Kosten kommen durch den Deal so gut wie keine auf. »Mercedes-AMG stellt den Hotels unterschiedliche Fahrzeugmodelle aus ihrem Besitz zur Verfügung. Steuer, Versicherung und Wartung liegen damit beim Automobilhersteller«, so Grove.

Motorrad fährt Serbentinen hoch
Passend zum wilden Winter-Image von Ischgl, setzt der Tourismus-
verband im Sommer auf das Thema »Motorrad«
Foto: TVB Paznaun - Ischgl

High-Bike in den Bergen Tirols

Wieder ein anderes Konzept verfolgt die Tiroler Tourismusregion Paznaun-Ischgl seit fünf Jahren. Unter dem Motto »High-Bike« wird dabei den Gästen von Ischgl und Umgebung ermöglicht, zu extrem günstigen Konditionen Top-Motorräder der Marken BMW, Triumph, KTM, Ducati und Aprilia sowie bei Bedarf auch die nötige Fahrerausstattung zu mieten und damit die traumhaften Bergstraßen in Tirol, Südtirol, Vorarlberg, Bayern und der Schweiz zu erkunden. »Ischgl im Winter ist Hardcore. Es ist laut, es ist schrill. Da würde uns im Sommer niemand die Inszenierung einer heilen Tiroler Bergwelt mit Kühen, Gänseblümchen und rot karierten Wanderausflügen abnehmen. Mit dem Thema ›Motorrad‹ haben wir ­etwas gefunden, das aggressiv und dynamisch ist.

Und das passt perfekt zu ­Ischgl«, erklärt Andreas Steibl, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Ischgl. Die Motive der Kunden sind dabei ganz unterschiedlich: Manche kommen mit den eigenen Bikes an und nutzen die Möglichkeit, vielleicht ein Nachfolgemodell ausgiebig zu testen, manche haben kein eigenes Motorrad, und andere haben zu Hause zwar eines stehen, wollen sich aber eine lange Anreise auf zwei Rädern ersparen und kommen lieber bequem per Auto oder Flugzeug.

Konkret hat der Gast die Wahl zwischen den Spitzenmodellen europäischer Premiumhersteller: von BMW u. a. R 1200 GS, S 1000 XR oder K 1600 GTL, Ducati stellt etwa Multistrada oder Diavel zur Verfügung, bei KTM sind es z. B. Super Adventure 1290 oder Super Duke GT, von Triumph stehen Tiger Explorer oder Speed Triple bereit, und von Aprilia gibt es etwa Tuono V4 oder Caponord 1200, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Wer will, kann also die Tiroler Bergwelt mit 170 PS und mehr in Schräglage weg­kippen lassen.

Motorradverleih
Die Gäste können sich besonders günstig Markenmotorräder
leihen. Foto: TVB Paznaun - Ischgl

Umweg-Rentabilität

Das Besondere an der ganzen Aktion: Gäste der Region Ischgl-Galtür bekommen oben genannte Modelle für 100 Euro pro Tag, kleinere Bikes kosten 80 Euro – Vollkasko, unlimitierte Kilometer und ein Roadbook mit 14 verschiedenen Tagestouren rund um Silvretta, Stilfser Joch, Timmelsjoch & Co. inklusive. Zum Vergleich: Bei einem normalen Motorradvermieter muss man für ähnliche Maschinen – wenn man sie überhaupt bekommt – rund das Doppelte veranschlagen, und dann sind pro Tag in der Regel maximal 200 bis 300 Kilometer inkludiert.

Solche Konditionen sind allerdings nur möglich, weil die Motorrad- wie Zubehörhersteller das ganze als Marketing-Aktion sehen, bei der sie den Kontakt zu potenziellen neuen Kunden bekommen und diese ansprechen können. Konkret Geld wird mit der reinen Vermietung also nicht verdient, und auch für Ischgl rentiert sich dieses Angebot nur über den Umweg der Übernachtungen, weswegen Kunden ohne Gästekarte auch deutlich höhere Mietpreise zahlen müssen. Denn allein der Aufwand der täglichen Servicierung der Mietmotorräder ist ein beträchtlicher.


Andreas Steibl
Foto: TVB Paznaun - Ischgl

Nachgefragt: Andreas Steibl, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Ischgl.

Wie hat sich die Anzahl der Mieter und der Tagesmieten seit 2011, dem Beginn dieser Aktion, entwickelt?
Es gab eine extreme Steigerung von rund 600 Verleihaktivitäten 2011 auf über 2.200 im vergangenen Jahr. Das Angebot wird also sehr gut angenommen.

Ihr geht dieses Jahr in die sechste Saison. Ist ein Ende dieser Koope­rationen abzusehen, oder hat sich High-Bike zur Dauereinrichtung im Sommer entwickelt?
Nein, High-Bike hat sich sehr gut etabliert und bleibt ein fixer Bestandteil unseres Angebots. Wir haben auch etliche Stammgäste aus allen Nationen, die ausschließlich wegen dieses Angebots kommen.

Hat das High-Bike-Angebot merkbare Auswirkungen auf die Übernachtungs­zahlen in der Region?
Absolut – wir konnten durch dieses Angebot die Übernachtungszahlen im Sommer um ca. 10 Prozent steigern.

»Viele Stammgäste
kommen extra wegen
des Motorrad­-
angebotes zu uns«

Andreas Steibl

Wie sehen die Rückmeldungen seitens der Hersteller bis dato aus?
Das Feedback der Hersteller ist sehr gut, da sie die Daten von den Testfahrern für ihr Marketing nutzen. Denn nur über diese Umweg-Rentabilität für die Hersteller ist es uns möglich, so günstige Preise für die ­Motorradvermietung anzubieten. Wenn die Hersteller nichts davon hätten und uns entsprechend die Bikes nicht zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellen würden, müssten wir ganz anders kalkulieren.

Offensichtlich sind sowohl Motorrad- wie auch Ausrüstermarken von Beginn an die gleichen. Wollte bis jetzt noch niemand abspringen oder jemand Neues dazukommen?
Wir hatten Anfragen von japanischen Motorradherstellern, möchten das Angebot aber ganz bewusst bei den europäischen Premiummarken belassen. BMW, KTM & Co. passen einfach besser zu einer Tiroler Tourismusregion. Neu dazugekommen ist dieses Jahr Aprilia. Und abspringen wollte noch niemand. Wie gesagt: Hier dabei zu sein, rentiert sich auch für die Hersteller.

Gibt es auch negative Erfahrungen, etwa schwerere Unfälle, Unterschlagung der Motorräder, Klagen von Einheimischen wegen exzessiver Raserei oder Lärm?
Zum Glück überhaupt nichts dergleichen. Wir hatten bis dato absolut keine negativen Erfahrungen. Auch größere Unfälle gab es eigentlich, bis auf ein paar Umfaller vielleicht, keine zu beklagen. In der ersten Saison hat sich ein Kunde mal den Arm gebrochen. Das war aber auch schon so ziemlich das Schlimmste, was passiert ist.

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