Brauereien und die Gastro: Darf es ein wenig mehr sein?
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Brauereien und die Gastro: Darf es ein wenig mehr sein?

von Clemens Kriegelstein
Donnerstag, 10.08.2017
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Die meisten großen Brauereien sind inzwischen zu service­orientierten Multifunktions-Unternehmen mutiert. Denn »nur« das bestellte Bier in Top-Qualität zu liefern, reicht schon lange nicht mehr, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Man sieht sich zunehmend als Partner der Gastronomie, was sich auch in den Zusatzleistungen bemerkbar macht, die viele Brauereien abseits ihrer Kernaufgabe anbieten.

Ein Service, der inzwischen schon fast Standard geworden ist – aus durchaus ureigenstem Interesse –, ist etwa die Instandhaltung und Pflege der Schankanlage. Denn wenn hier etwas schief läuft, der Druck nicht richtig eingestellt ist, Leitungen oder Zapfhähne nicht sauber sind, leidet das Produkt und damit das Image der Brauerei. »Die Reinigung und Servicierung der eigenen Schankanlage an die Brauerei zu delegieren, ist in jedem Fall eine gute Idee«, empfiehlt etwa Michael Eder, Vortragender an der Doemens-Akademie in Gräfelfing bei München, wo u. a. Braumeister oder Diplom-Biersommeliers ausgebildet werden. »Die Brauereien legen hier meist mehr Sorgfalt und Verantwortung an den Tag, weil es letztlich um ihr eigenes Produkt geht und wie das beim Gast ankommt.« Nervös wird Eder, wenn freie Unternehmen die Reinigung der Schankanlage bereits ab fünf Euro pro Leitung anbieten. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie das seriös kalkuliert sein soll«, meint der Experte. »Man muss die Anfahrt rechnen, der Dienstleister braucht ein Auto, dazu kommt die echte Arbeitszeit. Ich würde schätzen, dass seriöse Angebote ab mindestens 20 Euro pro Leitung anfangen.«

Verhandlungsgeschick ist gefragt

Ein anderer Standardservice, der zumindest vonseiten der Gastronomen häufig erwartet wird, ist die Ausstattung des Betriebes mit Biergläsern, Bierdeckeln, Sonnenschirmen oder anderen ­gebrandeten Produkten des täglichen Bedarfs. In diesem Bereich gibt es nach den Erfahrungen von Doemens-Ausbilder Michael Eder keine Faust­regel. Welche Benefits der einzelne freie Gastronom (wenn die Brauerei selbst Eigentümerin des Lokals ist, sieht die Sache ­natürlich wieder anders aus) hier aushandeln kann, hängt von vielen Faktoren ab: Lage und Größe des Betriebes, Größe der Brauerei oder nicht zuletzt Verhandlungsgeschick des Wirtes. »Gebrandete Biergläser oder Untersetzer sind fast nie ein Problem, manche Brauereien zeigen sich sogar bei Sonnenschirmen oder Gartenmöbeln großzügig. Aber als City-Gastronom mit großem Gastgarten und entsprechendem Bierabsatz werde ich hier wahrscheinlich eine bessere Verhandlungsposition haben, als der Betreiber einer kleinen Schutzhütte auf 2.000 Metern Seehöhe«, so Eder. Noch individueller und komplizierter wird die Sache dann, wenn sich die Brauerei finanziell bei der Ausstattung des Lokals (Errichtung der Bar, komplette Schankanlage, …) beteiligen soll. Eder: »Wie weit man sich als Gastronom dafür als Gegenleistung an die Produkte dieser Brauerei bindet, muss jeder im Einzelfall selbst entscheiden. Hier ist gutes Verhandlungs­geschick gefragt.«

Schulungen zur Qualitätssicherung

Einen umfassenden Gastronomie-Service bietet etwa die deutsche Warsteiner-Gruppe. Ingo Swoboda, Vertriebsdirektor Gastronomie: »Unsere Biere verlassen die Brauerei im einwandfreien Zustand. Die hygienische Behandlung beim Ausschank in der Gastronomie und die Bierpflege lassen allerdings öfters zu wünschen übrig. Um unsere Gastronomie-Kunden in dieser Beziehung zu unterstützen, bieten wir spezielle Schulungen zu Schanktechnik und -sicherheit an. Auch die Bierpflege, die Reinigung von Schanktechnik und Gläsern bis hin zu Bierlagerungsempfehlungen wird von unserem geschulten Personal an Gas­tronomen vermittelt. Zudem stellen wir hochmodernes Zapf­equipment zur Verfügung. Gastronomie-Bedarfsartikel wie Gläser, Theken und Schanktechnik helfen dem Wirt bei seinem Geschäft. Darüber hinaus beraten wir als Brauerei bei Gastronomie-Konzepten, ­Finanzierungsfragen und Fragen zum Sortiment.

Betriebswirtschafts-Beratung

Stark auf das Thema Betriebswirtschaft setzt die InBev-Gruppe (u. a. Beck’s, Löwenbräu, Franziskaner). Experten der Brauereien helfen Gastronomen etwa bei der Bewertung von Business-Plänen, der Einschätzung der wirtschaftlichen und finanziellen Erfolgsaussichten und Risiken von Investitionsvorhaben oder geben Tipps zur optimalen Betriebsführung. »Aber auch das Qualitätsmanagement ist uns bei unseren Partnern in der Gastronomie sehr wichtig«, erklärt Unternehmenssprecher Oliver Bartelt. »So führen wir etwa Bierverkostungen, Zapf- oder Sommelier-Seminare durch. Weiterhin beraten wir unsere Kunden bei Neu- und Umbauten, nehmen Kontakt zu Architekten und Einrichtern auf, helfen bei der Erstellung von Ausschreibungen und der Auswahl der jeweiligen Fachfirmen.«

Rundum-Service

Ein ähnliches Konzept verfolgt auch Bitburger mit der »Konzeptfabrik«, der Ideenschmiede der Bitburger Braugruppe: »Wer für ein neues oder bestehendes Objekt nach Unterstützung und ­kreativen Ansätzen sucht, ist hier genau richtig. Sie bietet Gastronomie-Partnern einen Rundum-Service – von der Anfangs-Beratung bis hin zur Umsetzung, von der betriebswirtschaftlichen Prüfung über die Anforderung und Bewertung von Angeboten bis hin zu Marketing-Ideen«, führt die Leiterin der Kommunikationsabteilung bei Bitburger, Christina Schommer, aus. Einrichtungskonzepte, Ausstatter-Firmen und Handwerker werden gezielt für die einzelnen Aufgabenstellungen vorgeschlagen. In den Räumlichkeiten der Konzeptfabrik können sich Gastronomen sowohl von den gestalterischen als auch von den konzeptionellen und technischen Möglichkeiten ein ganz konkretes Bild machen.

»Wir wissen, was Wirte wollen«

Stets ein offenes Ohr für seine Kunden hat auch die Bayreuther Brauerei Maisel. »Ob zur Gestaltung der Bierkarte, Schulung der Mitarbeiter oder zur Schankanlagen-Reinigung – wir stehen immer mit Rat und Tat zur Seite«, so Jeff Maisel, Inhaber der Brauerei Gebr. Maisel in vierter ­Generation. »Mit dem Gastronomieobjekt ›Liebesbier‹, das sich im ältesten Gebäude unserer Brauerei befindet, konnten wir selbst jede Menge ­Erfahrung sammeln. Wir verstehen daher die Probleme und Wünsche der Gastronomen und lassen diesen praktischen Erfahrungsschatz auch in die Zusammenarbeit mit unseren Gastronomiekunden einfließen.«

Eigene Schankanlage für Kunden

Die Salzburger Privatbrauerei Stiegl setzt bei ihren Serviceangeboten stark auf Bierkompetenz und Schulungsangebote. Sogar Biersommelier-Kurse sind hier im Programm. Support bietet die Brauerei auch im Bereich Marketing und Verkauf am Gast. Das reicht von Inszenierungsideen, Biercocktails, Kochen mit Bier bis hin zur Speisekarte. Von einem »Rundum-sorglos-Paket« spricht Stiegl, wenn es um das Thema Schanktechnik geht. Mit dem »Drink Modul« hat man seit vergangenem Jahr eine eigene Anlage im Portfolio, die ein Schank- und Kassensystem miteinander kombiniert, sich mit ihrer Modulbauweise an die Bedürfnisse des Gastronomen anpasst und dabei über eine moderne und flexible Touch-Bedienung verfügt. »Durch eine flexible Schnittstellenbox können auch Schnapsleisten, ein Wiegesystem und Kaffeemaschinen in die Anlage integriert werden. Zudem überwacht Drink Modul die Fässer im Keller, verfügt über eine Leererkennung und eine Rest-Funktion für den Kellner. Ebenso gecheckt werden Temperatur und Druck«, weiß Drink-Modul-Spezialist Karl Heinz Michlbauer.

High-End-System ermöglicht Fernwartung

Ein Feature, das die österreichische Brau Union ihren Kunden etwa anbietet und auf das sie sehr stolz ist, ist die Computer-Schank­anlage Z1 mit Grafik-Display und Wisch-Oberfläche. »Diese Anlage, die es in verschiedenen Dimensionen gibt, ist technologisch auf dem neuesten Stand und exklusiv ausschließlich für Brau Union-Kunden gemacht«, erklärt Schankservice-Leiter Helmut Paulitsch. Ein weiterer Vorteil: Da das ganze System ans Internet angeschlossen ist, ist bei den meisten Wartungsarbeiten eine Fernwartung möglich, der Techniker muss nicht extra in den Betrieb kommen.

»Beerkeeper«-Ausbildung

Auch bei der Wiener Ottakringer-Brauerei weiß man, dass dauerhafte Partnerschaften mit den Gastronomen von deren langfristigen Erfolgen abhängen. Um diese abzusichern, gibt es von Seiten der Brauerei verschiedene Leistungen, wie Marketingleiterin Gabriele Grossberger erklärt. Dazu gehören etwa Bierverkostungen in den Lokalen zum Kennenlernen des Sortiments, Zapf- und
Hygieneschulungen für den richtigen Umgang mit der Schank­anlagen und dem Bier oder eine »Beerkeeper«-Ausbildung für die Mitarbeiter. »Sehr ans Herz legen wir unseren Kunden auch unseren technischen Support bei den Schankanlagen«, führt Grossberger weiter aus, »schließlich steht und fällt die Bierqualität u. a. auch mit einer perfekt gewarteten Schankanlage.

Diese Leistungen der Brauereien machen Sinn

  • Schankanlagenservice
  • Geschmacksschulungen
  • Ausbildungen zum Biersommelier /Bierexperten
  • Biergläser – ebenso wie beim Wein verlangen verschiedene Bierstile jeweils passende Gläser
  • Einrichtungsgegenstände – vom Tablett bis zum Sonnenschirm

Bierverträge – darauf sollten Sie achten

Die Unterstützung, die ein Gastronom von seiner Hausbrauerei erfährt, ist zwar oft sehr praktisch, eines darf man dabei trotzdem nicht übersehen: Brauereien sind keine Tochtergesellschaften der Caritas, sondern gewinnorientierte Unter­nehmen. Anders ausgedrückt: In der einen oder anderen Form wird man für jeden Service bezahlen, sei es direkt oder indirekt (etwa über Abnahmeverträge).

Bei einer direkten Bezahlung der Leistung ist man gut beraten, zumindest ein ähnlich gelagertes Gegenangebot einer anderen Firma/Brauerei einzuholen, um eine Vergleichsmöglichkeit zu haben. Helfen können in so einem Fall auch immer Gespräche im Kollegenkreis.

Verlockend erscheint dagegen auf den ersten Blick oft die Abgeltung der Brauereileistung über einen Abnahmevertrag. »Das Bier brauche ich ohnehin, also ist es für mich so gut wir kostenlos«, mag sich mancher denken. Dabei sollte man sich vorab aber sehr genau die Konditionen überlegen und die Frage stellen, wie lange man sich tatsächlich zu welchen Konditionen an eine Brauerei binden möchte.
Der Original-Text aus dem Magazin wurde für die Online-Version evtl. gekürzt bzw. angepasst.

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