Arbeitszeitenregelung
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Mit der Zeit wird Zeit immer wichtiger

von Kristina Presser
Mittwoch, 30.10.2019
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Über Arbeitnehmer-Wünsche zur Arbeitszeitenregelung und wie Unternehmen der Hotel- und Gastro-Branche sie erfüllen

Fast jeder zweite Beschäftigte würde gerne weniger arbeiten, im Schnitt rund 2,5 Stunden pro Woche. Dafür nimmt man auch gerne in Kauf, dass das Gehalt geringer ausfällt. Der Wunsch nach mehr Freizeit und besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf wächst vor allem bei der jüngeren Generation – Stichwort Work-Life-Balance. Was auffällt: Wer bereits flexible Arbeitszeitmodelle nutzt oder mobil arbeiten kann, wie im Homeoffice, der hat weniger das Bedürfnis nach einer kürzeren Arbeitswoche.

In knapper Version sind das die Ergebnisse des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), das gemeinsam mit dem Karrierenetzwerk XING die Studie »Arbeiten in Deutschland« durchgeführt hat. Rund 2.400 branchen­unabhängige Arbeitnehmer wurden dazu Anfang 2019 befragt. Sicher, die Werte können nur eine Tendenz liefern, hängen von individuellen Interessen und Tätigkeiten ab. Aber auch Unternehmen aus Hotellerie und Gastronomie bestätigen das generelle Interesse an verkürzten oder flexiblen Arbeitszeitmodellen. Und Lösungen haben sie auch parat.

Christian Grünbart
Christian Grünbart, Geschäftsführer
des Hotels AVIVA make friends.
Foto: Hotel AVIVA

Gemeinsam Lösungen finden

Fest steht: Die Branche lebt von der Nachfrage der Gäste – und das wirkt sich auf die Arbeits- und Dienstzeiten der Beschäftigten aus. »Hotellerie und Gastronomie sind in der Regel keine 9-to-5-Jobs«, sagt Jürgen Gangl, General Manager des 4-Sterne-Superior-Hotels Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz. »Es geht darum, in bestimmten Situationen die Arbeitszeiten an die Arbeitsrealität der Branche anzupassen.« Daher müssen die Arbeitszeiten auch flexibel gestaltet werden. Diese Herausforderung gilt es also mit den veränderten Erwartungen nachkommender Arbeitnehmergenerationen an Arbeitsbedingungen zu vereinbaren. Denn Voraussetzungen für eine gute Work-Life-Balance zu schaffen, ist heute ein notwendiges Angebot für Mitarbeiter, weiß der Hotelier – nicht zuletzt, um wettbewerbsfähig zu sein.

Konkret bedeutet das im Berliner Park Inn, dass unter anderem der Dienstplan für einen ganzen Monat geschrieben wird, erzählt Jürgen Gangl, »und die Mitarbeiter können ihre Wünsche äußern«. Dazu ist jedem ein freies Wochenende im Monat garantiert. Viele Abteilungen hätten außerdem eine Kernarbeitszeit, sodass Arbeitnehmer den Dienstbeginn frei wählen könnten. Und sofern es mit Abläufen im Hotel vereinbar sei, bestünde das Angebot zur Homeoffice-Arbeit. Bei Eltern mit kleinen Kindern achte man darauf, diese in Küche und Service vorrangig im Frühdienst ein­zusetzen. Insgesamt sei je nach Situation wichtig, »mit Mitarbeitern, Vorgesetzten und dem Team zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden«, sagt Gangl.

Jürgen Gangl
Jürgen Gangl, GM Park Inn
Foto: Radisson Berlin
Alexanderplatz. 

Die Vier-Tage-Woche

Einen zukunftsweisenden, bislang aber selten gegangenen Weg in der Hotellerie schlug 2018 Christian Grünbart ein. Nach vielen Gesprächen mit seinen Mitarbeitern erkannte der Geschäftsführer des 4-Sterne-Superior-Hotels AVIVA im österreichischen St. Stefan am Walde den Wunsch, die Arbeitszeit zu komprimieren. Die Vier-Tage-Woche wurde eingeführt. In allen Abteilungen, bei 40 Stunden, zum gleichem Gehalt. Dafür gestaltete man interne Prozesse um, »bewusst habe ich in Kauf genommen, dass die Personalkosten in einzelnen Abteilungen steigen werden«, sagt er. Andererseits erspare er sich nun teure Mitarbeiterakquisition, Vorstellungsgespräche und lange Einarbeitungszeiten. Auch die Fluktuation sei geringer, da viele nicht zurück in die Fünf-Tage-Woche wollen. Vor allem aber lohnt es sich von Arbeitnehmerseite, wie der Hotelier berichtet: »Die Mitarbeiter erlebe ich mit viel weniger Freizeitstress und ausgeruhter, sie sind mehr bei der Sache.« Und neben dem Plus an Lebensqualität und Nettogehalt ist das innovative Arbeitszeitmodell zudem ein Gewinn für die Umwelt, sparen sich die Mitarbeiter doch eine Hin- und Rückfahrt.

Für Christian Grünbart ist es essenziell, sich auf die unterschiedlichen Lebensumstände seiner Mitarbeiter einzustellen. Zusammen individuelle Lösungen zu finden, ist Teil der Firmenphilosophie – auch in puncto Arbeitszeitenregelung. Und so folglich Vertrauen zu schaffen, »ist eine, wenn nicht die wesentlichste Komponente für den Erfolg und die langfristige Zusammenarbeit«, wie er sagt. Daher werden im AVIVA neben der Vier-Tage-Woche noch weitere Arbeitszeitmodelle angeboten, wie zum Beispiel Arbeit an bestimmten Tagen, nur zu gewissen Tageszeiten oder auch im Homeoffice.

Ralf Gravelaar
Ralf Gravelaar, HR Director
bei Areas Deutschland. 
Foto: Areas

Nicht nur Work-Life-Balance zählt

Aber nicht nur für die zukunftsorientierte Hotellerie, sondern auch in der Gastronomie ist es notwendiger denn je, zu wissen, was Mitarbeiter und Bewerber heute von einem Unternehmen erwarten, weiß Ralf Gravelaar, HR Director von Areas Deutschland, Anbieter von Reise-, Freizeit- und Verkehrsgastronomie. Neben einem hohen Maß an Autonomie und Mitgestaltung gehören dazu auch immer häufiger flexible Arbeitszeitmodelle. »Entscheidend für den Erfolg in Sachen Recruiting ist maßgeblich, einen Arbeitsvertrag zur Verfügung zu stellen, der die maximal mögliche Sicherheit abbildet sowie ein flexibles Arbeitszeitkonto, um auf Mitarbeiterwünsche und den operativen Bedarf reagieren zu können«, sagt der Personalchef. Bei Areas äußert sich das unter anderem in flexiblen Arbeitszeiten für eine eigenverantwortliche Arbeitsweise, Voll- und Teilzeittätigkeiten.

Es gibt also auch in der Hotellerie und Gastronomie viele Möglichkeiten, flexible Arbeitszeitmodelle in den Betriebs­alltag zu integrieren und dem Trend zu einer ausgewogeneren Work-Life-Balance zu begegnen. Ein wichtiger Aspekt, wenn es um Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung geht. Aber letztlich muss das Gesamtkonzept stimmen, auf das junge Arbeitnehmer verstärkt Wert legen, darin stimmt Ralf Gravelaar mit Jürgen Gangl und Christian Grünbart überein. »Von den Vorgesetzten erwarten Mitarbeiter wertschätzenden, respektvollen Umgang, Feedback in Form von konstruktiven Coachings und dass sie sich als Mentor für die Entwicklung des Einzelnen verantwortlich fühlen«, ergänzt Ralf Gravelaar von Areas. Es sei notwendig, dass sich alle Führungskräfte als Botschafter des eigenen Unternehmens und dessen überzeugender Vision verstehen. Und dazu gehören nicht zuletzt ein motivierender, positiver Führungsstil sowie Weiterbildungsangebote für Mitarbeiter.

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