Ganz nah am Gastgeber dran
Fotos: Avani Hotels & Resorts

Ganz nah am Gastgeber dran

Welche Chancen bietet Social Media für die Hospitality?

von Karoline Giokas
Mittwoch, 27.10.2021
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Die einen liefern sich ein Tanzbattle, die anderen präsen­tieren, untermalt von flotten Beats, witzige Aktionen ihrer Haustiere, wiederum andere stellen ihre Gesangskünste zur Schau – und unter­halten damit tagtäglich ein Millionenpublikum. Bei dem aus China zu uns herübergeschwappten Social-Media-Trend TikTok handelt es sich um ein soziales Netzwerk, in dem User bis zu 60 Sekunden lange selbst gedrehte Videos teilen und anschauen können.

Das Handling der Plattform ist denkbar einfach. Möchte man den Content einfach nur anschauen, ist es nicht einmal notwendig, sich zu registrieren. Das ist nur nötig, wenn man aktiv interagieren, sich mit anderen Usern austauschen und eigenen Content hochladen will. Ähnlich wie bei Instagram dreht man ein Video, schaltet bei Bedarf Musik dazu, passt den Clip mit Filtern an und teilt ihn anschließend auf dem eigenen Profil – im besten Fall mit den aktuell beliebtesten Hashtags versehen.

Hotel Jungbrunnen
Foto: Hotel Jungbrunn 

Man muss sich nicht zum Affen machen

Dass in dem Portal durchaus auch Potenzial steckt, um auf weniger alberne, eher seröse Art und Weise auf sich aufmerksam zu machen, beweisen bereits bekannte deutsche Persönlichkeiten wie Nachrichtensprecher und Fernsehmoderator Jan Hofer. Er kündigt beispielsweise mal eben in knackigen 60 Sekunden die nächste Sendung seines neuen Nachrichtenformats RTL Direkt an – und kassiert dafür schlappe 157.000 Klicks.

Viviana Gutheinz Hotel Jungbrunnen
Viviana Gutheinz,
Hotel Jungbrunn:
»Hauptsache, man kreiert
eigenen Content. Einfach
kopieren ist faul!« 
Foto: Hotel Jungbrunn

Wäre das dann nicht auch etwas für die Hotellerie? »Auf jeden Fall, denn für uns ist TikTok eine tolle Möglichkeit, um als Gastgeber auf unser Haus aufmerksam zu machen«, bestätigt Viviana Gutheinz vom Tannheimer Hotel Jungbrunn, mahnt aber im gleichen Atemzug: »Nur dabei sein, um dabei zu sein – darauf sollte es einem hier nicht ankommen. Man muss sich des hohen Zeitaufwands, den dieses Tool mit sich bringt, bewusst sein. Wer die nicht hat, ist besser damit beraten, sich auf andere Plattformen zu beschränken.« Bis Ende des Jahres möchte die Jungunternehmerin mit ihrem dreiköpfigen Marketing-Team den hauseigenen TikTok-Kanal @jungbrunn.crew richtig pushen und dabei gern das ganze Team mit einbinden, denn Gutheinz weiß: »Zu gutem Content gehört nämlich nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Liebe und Kraft. Wer auf TikTok am Ball bleiben will, sollte eigentlich fast drei Videos täglich online stellen. Unser Ziel sind künftig zwei Clips pro Woche, dann müssen wir abwägen, wie wir das stemmen und ob es ausbaufähig ist«, erklärt Gutheinz. »Dafür ist echte Manpower notwendig.«  
 
Dass die Jungbrunn-Crew bereits auf dem besten Weg ist, zeigt sie seit einigen Jahren mit ganz persönlichen Videos, auf IGTV. »Hier begleite ich die Kollegen einen Tag lang und gebe Einblicke hinter die Kulissen – der Zuschauer ist also mittendrin im Geschehen.«

Ähnlich ist auch der künftige TikTok-Content geplant: »Wir wollen einen abwechslungsreichen Entertainment-Mix bieten, mal unsere Mitarbeiter vorstellen, mal Unterhaltsames wie beispielsweise eine einstudierte Tanz-Challenge zwischen der Küchen- und Service-Crew starten, aber auch Hotelbereiche vorstellen. Warum auch nicht mal zeigen, wie unser Kaiserschmarrn zubereitet wird, und dann das Rezept dazu freigeben?«, schlägt die Hotelière vor.

Adhiyanto Goen von Avani Hotels & Resorts
Adhiyanto Goen von den
Avani Hotels & Resorts setzt
auf Kooperationen mit
bekannten Influencern.
Foto: Avani Hotels & Resorts

Storys, die zum Hotel passen

Was Gastgebern im Umgang mit TikTok ganz klar sein muss: Im Vordergrund stehen beim öffentlich geteilten Content vor allem Kreativität und Spaß. »Die Plattform zielt auf eine Altersgruppe zwischen 16 und 20 Jahren ab, die zwischen den Mittagspausen, auf dem Weg zur Arbeit oder während dem Fitness unterhalten werden will«, erklärt Social-Media-Experte und Content-Creator Louis Victor von Storybaker. »Der große Vorteil: Ohne Werbekosten kann man als Gastgeber eine hohe Reichweite erzielen – schließlich werden die Reisenden und damit Gäste immer jünger und leben in dieser digitalen Welt.« Wohl wahr, denn laut Statista verzeichnet TikTok weltweit 689 Millionen monatlich aktive User. Für Ende 2021 prognostizieren Experten allein in Deutschland einen Anstieg von im letzten Jahr 5,5 Mio. auf rund 20 Mio. User (yourstruly.de).

Victor rät, im Vorhinein klar zu definieren, warum ein TikTok-Auftritt für das eigene Haus sinnvoll ist, wer damit erreicht werden soll und, ganz wichtig, welcher geteilte Inhalt überhaupt zur CI des Hauses passt? »Außerdem: Welchen Nutzen haben eigentlich die Zuschauer, also der Hotelgast, wenn er den Beitrag anschaut? Spannend wäre ein Einblick in selbstverständliche Dinge des Hotelalltages, beispielsweise wie mache ich das perfekte Bett in drei Minuten?«, schlägt Victor vor.

Wer seine Mitarbeiter mit ins Boot holen möchte, sollte jemanden dafür einsetzen, der richtige Storys authentisch, spannend und auf humoristische Art vermittelt – und nicht nach drei Monaten Praktikum wieder verschwunden ist. Ansonsten gilt laut dem Experten: »Probieren Sie es mal aus!«

Ute Kern und Stefanie Kricheldorf vom Hotel Schloss Tangermünde
Ute Kern und Stefanie
Kricheldorf vom Hotel Schloss
Tangermünde punkten bei
ihren Gästen oft mit spontanen
Social-Media-Posts. Foto:
Schloss Hotel Tangermünde

Gästen Persönlichkeit zeigen

Reservierungsleiterin Ute Kern und Projektmanagerin Stefanie Kricheldorf vom Hotel Schloss Tangermünde bei Berlin wissen grundsätzlich die Vorzüge moderner Social-Media-Plattformen – nicht nur in Bezug auf TikTok – zu schätzen und sinnvoll zu nutzen. Zum einen, um Mitarbeiter anzuheuern, zu 80 Prozent aber, um ihre Gäste zu erreichen. »Besser kann man heutzutage gar nicht im Gespräch bleiben. Denn eine Homepage ist immer recht statisch und erfordert viel Zeit, stets mit relevanten News aktualisiert zu werden«, berichtet Kern.

»Es ist ein Trugschluss, viele Follower haben zu müssen. Lieber 100 Gäste, die aufgrund der Social-Media-Aktionen übernachten, als 1.000 virtuelle Likes.«

Ute Kern, Hotel Schloss Tangermünde:

Wesentlich schneller geht es da mit ein paar wenigen knackigen Zeilen und ansprechendem Bildmaterial auf Facebook und Instagram. Beispielsweise sucht das Hotel Schloss Tangermünde auf dem einen Kanal mal eine unterstützende Massagekraft für den Wellness-Bereich, auf dem anderen wird gezeigt, wie schön herbstlich der Eingangsbereich am Morgen aussieht oder welche besondere Aktion die Damen am Weltfrauentag erwartet. Perfekt retuschiert muss hier kein Bild sein. »Es soll doch auch authentisch und echt wirken, damit die Gäste nicht mit falschen Erwartungen eintreffen«, ist sich Kricheldorf sicher. Umso wichtiger ist dem Team eine klare Abtrennung der Werbestrategie. »Über Social Media treffen wir unsere Gäste in einem privaten Rahmen an. Sie wollen sich hier vorab über unser Haus informieren und nicht plakative Werbung unter die Nase gerieben bekommen.«

Auch müsse man laut Kricheldorf lernen, neutral zu bleiben. »Gesellschaftskritische Themen haben dort nichts zu suchen und grundsätzlich muss man auch für negatives Feedback gewappnet sein«, betont sie. Einiges an Kritik bekam das Team beispielsweise, als es verkündete, den Wellnessbereich nach den langen Lockdown-Monaten wieder zu öffnen – jedoch ausschließlich für Hotelgäste, vorerst nicht für externe Besucher. »Viele waren erbost darüber. Da muss man Ruhe bewahren und Erklärungsbereitschaft gegenüber den Gästen zeigen«, so Kern.

Reiseutensilien
Foto: Avani Hotels & Resorts

Bereitschaft für Kooperationen

Die Avani Hotels & Resorts holen sich für ihren TikTok-Auftritt sogar Unterstützung von ihren Gästen selbst. So hat die Hotelgruppe mit ihrem Port­folio von 30 Häusern in 15 Ländern
im März 2021 junge, reiselustige Mil­lennials dazu aufgerufen, ihre schönsten Reiseerinnerungen auf dem @AvaniHotels-Channel hochzuladen und die Geschichte dahinter mit den Usern zu teilen.

»Wir arbeiten aber auch direkt mit Influencern zusammen, die auf ihrem Gebiet Experten sind, um professionelle Inhalte zu zeigen«, berichtet Adhiyanto Goen, PR-Director der Avani
Hotels & Resorts. Wie mit @Tapttapp, einer jungen 27-jährigen Thailänderin, die mal eben 421.700 Follower und 11,4 Millionen Likes auf TikTok verzeichnet. Die Hotelgruppe möchte an vorderster Front mit neuen digitalen Inhalten experimentieren. »Wir sind überzeugt, dass sich die Art und Weise, wie unsere Gäste Medien konsumieren, verändert hat. Sie sind nicht mehr nur an TV und Magazine gebunden, sondern werden derzeit stark von kurzen Videoinhalten der großen SocialMedia-Plattformen beeinflusst – und genau dort wollen wir sie erreichen.« Dafür sind auch schon die Mitarbeiter der Hotelgruppe selbst auf den Tik­-Tok-Zug aufgesprungen und unter­halten ihre Gäste mit einstudierten Tanz-Synchronisationen. »Große Fehler kann man in Bezug auf geteilten Inhalt meiner Meinung nach kaum machen – der einzige wäre, es nicht zu versuchen.«


Magdas
Foto: Magdas/ Peter Bárci

Aus der Not eine Tugend gemacht

Während des Corona-Lockdowns wollte das Magdas Hotel Wien den Kontakt zu den Freunden und Gästen des Hauses nicht verlieren und griff deshalb zu einer humorvollen Maßnahme im eher faden Corona-Alltag: In Zusammenarbeit mit der Agentur we make stories produzierte das Hotelteam die Videoserie #wearebored, die zeigen sollte, wie das Hotel mit der herausfordernden Situation umging. Einmal auf das eigens dafür geschaffene TikTok-Profil hochgeladen, erreichten die Clips innerhalb von zwei Tagen mehr als zwei Millionen Views. »Wir hatten alle einen Heidenspaß mit der Kampagne.

Im bored
Foto: Magdas/ Peter Bárci

Dass wir so Gelegenheit hatten, neue Menschen von unserem Social-Business-Konzept zu begeistern, war natürlich ein super Nebeneffekt«, erinnert sich Vera Meinl von Magdas Hotel. Vor allem über Kommentare wie »Jetzt will ich da hin« oder »Obsessed with this. This is modern marketing« freute sich die Hotelcrew. Inzwischen konzentriert sich die Kommunikationsleiterin allerdings wieder auf klassische Kanäle, auf denen sie über Aktuelles aus dem Hotel informiert. »Für TikTok braucht es geeigneten Content, der speziell für den Kanal produziert wird. Hier sollte die Devise

I m bored
Foto: Magdas/ Peter Bárci

»Lieber weniger und das mit Herz und Hirn, als Inhalte am Kunden vorbeiproduzieren« gelten«, ist Meinl überzeugt. »Wir hoffen jedenfalls, dass uns nie wieder so langweilig wird wie letzten Winter.« Aber falls doch, sei eine Fortsetzung der amüsanten TikTok-Reihe nicht ausgeschlossen.

 

 

 

 

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