Fight Club Digitale Formate
Fotos: Le Kork; Glücklich

Digitale Formate - auch für ganze Events

Hot or realy not

von Daniela Müller
Samstag, 11.09.2021
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PRO

Mounzer El Chakif
Mounzer El Chakif
Foto: Le Kork

»Wir wollen die spannendste Wein-Erlebnisgastronomie eröffnen und die digitalste Weinbar Deutschlands sein«

Mit unserem »Le Kork« in Bochum ­haben wir die so ziemlich erste digitale Weinerlebnis-Gastronomie Deutschlands erschaffen. Unsere »digitalen Weinerlebnisse« bedeuten, dass unsere Kunden Schluck- oder Glasweise von
84 offenen Weinen probieren können. Über jeder Flasche befinden sich Infokärtchen, die den Konsumenten alle Infos zum Wein ihrer Wahl vermitteln. Über einen QR-Code kann man sich die Infos auf sein Handy ziehen und bezahlen per »Le Kork«-Verzehrkarte.

Mounzer El Chakif

2020 gründete Mounzer El-Chakif mit seinen beiden Geschäftspartnerinnen »Le Kork« am Konrad-Adenauer-Platz in Bochum.

Online kann man sich seine Lieblingsweine über die Wishlist markieren oder neue Lieblingsweine im Handumdrehen nach Hause bestellen. Durch all dieses Probier- und Bestell-Prozedere verlängern wir den Weingenuss unserer Kunden bis zu ihnen nach Hause. Jeder Gast wird zu seinem eigenen Sommelier. Unser Plan war eigentlich, ganz normal »analog« mit der Bar zu starten und erst später mit dem Onlineshop. Weil Corona unsere Eröffnung mehrfach verzögert hat, starteten wir dann aber online schon deutlich früher. Zuvor hatten wir schon etliche Winzer gecastet. Diese konnten wir nicht nur von unserem Konzept überzeugen – sondern vielmehr total begeistern!

Es ist nicht unser Ziel, den günstigen Wein im Netz anzubieten, sondern, »Wein als Lifestyle« schmackhaft zu machen. Dies versuchen wir durch spezielle Aufmachung des Shops und die Art und Weise, wie wir die Weine beschreiben und erklären. Ebenso betreiben wir Storytelling mit den Persönlichkeiten der Winzer. Die Idee mit den Online-Tastings, bei denen wir als Team von »Le Kork« als Moderatoren durch den Abend führen und so Winzer und Endkonsumenten zusammenbringen, ging auf!

Wir haben das Internet mal eben zu einem digitalen Bartresen umfunktioniert, an dem sich im Laufe der Abende immer wieder unfassbar tolle Gespräche entwickeln. Das Großartige an solch einem hybriden Genussformat ist aus meiner Sicht, dass sich fremde ­Leute aus den verschiedensten Regionen bei einem Event zusammenfinden und dabei online austauschen. Man hat die Möglichkeit, in seinem vertrauten Wohnzimmer bequem von der Couch einem beschwingten Abend beizuwohnen, als säße man mittendrin! Laien und Experten fachsimpeln und genießen unkompliziert miteinander. Ich stelle auch fest, dass einige Neugierige aus ihrem vertrauten Heim heraus viel mutiger auf Winzer und Experten zugehen.

Online-Tasting-Events können richtig tolle Happenings sein! Nicht nur, wenn es ums Thema Wein geht, auch auf freundschaftlicher Ebene, wenn etwa die »Tischnachbarn« Hunderte Kilometer entfernt leben. An alle Skeptiker: Ich könnte noch viele Vorteile aufzählen: Man gerät nicht in Drink & Drive-Problematiken, benötigt keinen Babysitter ...

Auf lange Sicht bin ich überzeugt, dass sich vor allem Online-Wein-Tastings etablieren und sich zu einer ernst zu nehmenden Alternative für Weinverköstigungen oder Barabenden entwickeln werden.


CONTRA

Annette Glücklich
Annette Glücklich
Foto: Glücklich

»Wenn es keine Abnehmer mehr für diese Modelle gibt, sollte sich unsere Branche freuen«

In der Hochphase der Corona-Pandemie waren vonseiten der Gastronomie Ideen und Kreativität gefragt. Wer da etwas bieten konnte, hatte Arbeit und Umsatz – aber nicht immer Gewinn. Lieferbetriebe sind darauf aus- und eingerichtet, Essen außer Haus zu liefern, der klassische Gastronomiebetrieb nicht. Und schon sind wir mitten im Thema. Neben der Frage der Organisation, der Gestaltung und der richtigen Verpackungen kommt ein wichtiger Aspekt hinzu.

Kochen ist Kunst, der Teller das Kunstwerk. Bei Liefer-Essen kann diese Präsentation auf schönem Porzellan nicht gelingen. Die Wertigkeit des Essens sinkt, der Gast ist nicht bereit, so viel zu bezahlen. Jetzt wird mir der eine oder andere entgegnen, dass es auch wunderbare, gar besternte Restaurants gab, die sogenannte Menüboxen anboten.

Der Gast war Gast zu Hause und musste sein Essen fertig regenerieren und auf den Teller bringen. Klingt gut, aber in der Realität hat der Gast ganz einfach nicht dieselben Skills wie der Koch. Je gehobener die Gastronomie, desto anspruchsvoller gestalten sich auch das Fertigstellen und das Anrichten. Wir Gastronomen sollten darüber froh sein, dass der Gast nicht unser Handwerk beherrscht. Was wäre unser Job sonst eigentlich wert? Hinzu kommt, dass in der Gastronomie auch Gewinne mit ­Getränken erzielt werden. Wie viele haben denn zur Menübox den passenden Wein bestellt?

Annette Glücklich

Die Wormserin Annette Glücklich betreibt eine Event-Catering-Firma (gluecklich-essen.de), erreichte bei der Show »Top Chef Germany« im Jahr 2019 den zweiten Platz.

Beruflich haben auch wir als Caterer Probeboxen angeboten. Ich denke, hier war die Lage oder die Bekanntheit und Auszeichnung eines Kochs ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg. Deshalb ist es aus meiner Sicht kein Modell, das für alle Betriebe infrage kommt. Auch Online-Kochkurse und -Weinproben moderierte ich in dieser Zeit. Ich vermisste das persönliche Miteinander, die direkte Kommunikation mit dem Gast. Aus dessen Sicht bewerte ich die räumliche Distanz als noch viel drastischer. Ich für meinen Teil genieße es, auch selbst mal Gast zu sein, sitzen bleiben zu können, abzuschalten.

Die Atmosphäre, zusammen im Res­taurant zu sitzen und zu genießen, fehlt in der eigenen Wohnung, in der man zuerst die Spielsachen der Kinder wegräumen muss. Und danach noch alles abspülen ... Ich erlebe gerade jetzt auf Veranstaltungen wieder die Freiheit, die alle Gäste auf Hochzeiten oder Geburtstagen genießen. Dass die Leute mal wieder rauskommen, nicht immer das Gleiche sehen müssen. Essen ist immer auch Kommunikation, ein Zusammensein, Freunde treffen, Teilen.

Ich denke, dass der Markt ganz allein regeln wird, ob sich hybride Genussformate behaupten werden. Wenn es keine Abnehmer mehr geben wird für diese Modelle, sollte sich unsere Branche freuen. Meine Prognose: Der Gast hat uns vermisst, er wird sogar öfter zu uns kommen. Und wir können vermehrt wieder das tun, was wir am meisten lieben, wir dürfen Gastgeber sein.

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