Neue Weinregionen mischen den Schaumwein-Markt auf
Foto: iStockphoto

Das Grosse Prickeln

Neue Weinregionen mischen den Schaumwein-Markt auf

von Gabriele Gugetzer
Montag, 26.10.2020
Artikel teilen: 

Jede vierte Flasche Schaumwein der Welt wird in Deutschland geköpft. Natürlich sind es die Großen der Branche, die den Markt beherrschen. Bei Sekt steht Rotkäppchen auf Platz 1, gefolgt von Freixenet. Auf Platz 3 und 4 halten sich die Handelsmarken von Discountern. Doch es gibt auch eine Gegenentwicklung. Weg vom Althergebrachten und Bekannten, hin zu Regionen, die man vielleicht noch nicht mit Schaumwein assoziiert hatte. Beste Beispiele sind Bordeaux und Südafrika. Was sie machen, ist richtig gut, hübsch verpackt und überdies preislich interessant.

Bouvet Ladubay Fahrrad
Bouvet Ladubay ist Pionier im Weintourismus und bietet jetzt eine
neue Erfahrung: eine Kellerbesichtigung mit Fahrrädern.
Foto: Sophie Boursier / Bouvet Ladubay

Im Bordeaux ist die Kategorie Crémant in den vergangenen drei Jahren um 93 Prozent gewachsen. Das ist schon deshalb enorm, weil, ganz klar, Crémant nicht das klassische Bordeaux-Produkt ist. In Frankreich (für Deutschland gibt es noch keine Zahlen) wurden im vergangenen Jahr im LEH 1,4 Millionen Flaschen verkauft; das entspricht einem Anstieg um 19 Prozent. Dabei bekam das Produkt erst 1990 eine AOC-Klassifizierung, was auch bedeutet, dass die Trauben von Hand gelesen werden. Bordeaux-Crémants sind leicht, frisch, sollen eher jung getrunken werden, aber haben genug Charakter, um auch jenseits des Sommerwein-Themas zu bestehen.

Für die Gastronomie sind die Flaschen ab 10 Euro zu haben

Eine ähnliche Preisgestaltung ist bei südafrikanischen Schaumweinen zu finden. 1971 machte das Weingut Simonsig den ersten auf der Flasche vergorenen Schaumwein. 1992 wurde der Begriff Cap Classique eingeführt, der für solche hochwertigen Schaumweine gilt, die nicht im Tank vergären und mit Kohlensäure angereichert werden. Der renommierte englische Weinjournalist Jamie Goode bezeichnet den Cap Classique als »dynamischste Kategorie der südafrikanischen Weinszene«. Dessen Mitglieder erzeugen aktuell etwas über neun Millionen Flaschen, aber mit rasanter Tendenz nach oben; der Ausstoß verdoppelt sich alle 4,5 Jahre. Erst 17 Prozent gehen in den internationalen Export (in Deutschland über Pellegrini GmbH) – eine Nische, die Gäste interessieren dürfte.

Tipp: Bordeaux und Südafrika lassen sich sehr interessant einpreisen, denn hier trifft gute Preis-Leistung auf das Thema Novität.
Champagnerbar im Westin Elphi
Die Champagnerbar im Westin Elphi in Hamburg ist ein Garant für
prickelnden Genuss. Foto: Hamel Fotografie

Ein alter Bekannter positioniert sich neu

Irgendwann floss Prosecco in Strömen, Crémant wurde cool und ein Klassiker wie Geldermann wirkte plötzlich ein bisschen angestaubt. Ein Markenrelaunch wurde wichtig. Und mit Marc Gauchey kam ein neuer Chef de Cave. Jetzt gibt es eine Sortiments-trennung, außerdem wurden für die gehobene Gastronomie und den ausgewählten Fachhandel die Les Grands gemacht. Grand Brut, Grand Rosé und Carte Blanche reifen zwei Jahre auf der Hefe, wie alle Geldermanns in traditioneller Flaschengärung. »Der Relaunch war ein sehr wichtiger Schritt für uns und auch eine große Herausforderung«, sagt Gauchey. »Wir wollten neue Wege gehen, aber auf keinen Fall unsere Geschichte, die Tradition und die Herkunft von Geldermann aus den Augen verlieren.« Mit dem Augenmerk auf ihren französischen Wurzeln schafften es die Geldermanns im Handstreich in die im Herbst eröffnete Champagnerbar im Westin Elphi. Im Exklusivsegment stehen sie auch in der Breuninger Champagnerbar und in der Bar des Adlon. Die Abgrenzung der Les Grands zum Endverbraucherprodukt ist sehr wichtig, erklärt Gauchey. »Exklusivität ist ein sehr wichtiges Thema in der Gastronomie.«

Tipp: Noch exklusiver sind limitierte Editionen von Marc Gauchey, aktuell die Edition Musique, begrenzt auf 6.000 Flaschen und ab 1. Oktober im Handel.
Schloss Wackerbarth
Schloss Wackerbarth ist ein beliebter Anlaufpunkt für Wein- und
Sektliebhaber, die gerne mehr über die Herstellung erfahren
möchten. Foto: Heinz-Dieter Schulz

Bubbles als Erlebnis: das Staatsweingut Wackerbarth

Die klassische Flaschengärung wurde schon 1836 in Sachsen eingeführt, als in den Radebeuler Weinbergen eine Sektmanufaktur gegründet wurde. Direkt aus Reims geklaut wurde der Kellermeister. Joseph Mouzon brachte die französische Herstellung, Rüttelpulte inklusive, mit in die neue Heimat. Im Jahr 2018 wurde dem Weingut vom Magazin Vinum und dem Verband der traditionellen klassischen Flaschengärer das Label »Bester Sekterzeuger Deutschlands« verliehen. In keinem anderen Sektgut in Deutschland wird eine solche Sektvielfalt gemacht – von Riesling, Traminer, Burgundersorten, Scheurebe bis zu Kerner reicht die Auswahl.

Die Sekte sind nicht billig, die Bandbreite reicht vom brut nature über rebsortenreine Jahrgänge bis zu den Publikumsrennern »August der Starke« und »Dresdner Engel«. Allein der große Busparkplatz vor dem Haus zeigt, wie interessiert Sektfans sind, mal hinter die Kulissen zu schauen, denn auf Wackerbarth kann man nicht nur essen und Wein kaufen, sondern sich in Details der Wein- und Sektherstellung kundig machen. Das schätzen die Besucher sehr und zeigen ihre Begeisterung dann beim Einkaufen; stolze 40 Prozent der Produktion wird vor Ort bzw. im Online-Shop verkauft. Der Freistaat Sachsen ließ Mitte der 1990er-Jahre die barocke Schloss- und Gartenanlage auf Staatskosten sanieren. Sein Ziel: neben dem Schloss auch die Steillagen und Terrassenweinberge im Elbtal als Kulturerbe zu bewahren.

Tipp: Rosésekte und -champagner werden immer erfolgreicher. Der Excellence Crémant de Loire Rosé ist einer ihrer Renner.
Terrasse im Westin Elphi
Foto: Hamel Fotografie

Klein, fein, brut: Bouvet Ladubay

Bouvet Ladubay liegt in der Schaumweinstadt Saumur an der Loire. Es hat eine durchaus wechselhafte Geschichte hinter sich. Gründer Etienne Bouvet galt als Schaumweinkönig der Belle Époque, in den 1970er-Jahren drohte jedoch das Aus, das nur mit dem Verkauf an Taittinger abgewendet wurde. Bis in die frühen 2000er-Jahre ging es dem kleinen Weingut unter diesem Dach gut, doch dann sollte das Haus an einen amerikanischen Investmentfonds gehen. Patrice Monmousseau, der heutige Präsident, trieb andere Investoren auf und modernisierte. 2015 konnte die Familie Monmousseau dann Bouvet Ladubay zurückkaufen. Gut 6,5 Millionen Flaschen Schaumwein macht man hier; im Vergleich zu den Branchenriesen ist das natürlich ein Klacks. Aber: Gut ein Viertel der Produktion geht nach Deutschland, und zwar exklusiv in den Fachhandel und die gehobene Gastronomie.

Londons Barkeeper haben oft die Nase vorn.

In diesem Sommer war es der Slushie mit Schaumwein. Liam Nelson vom Pastaio serviert ihn im dickwandigen Glas und macht ihn – es ist ein italienisches Restaurant – mit Prosecco. »Die Konsistenz ist wichtig. Wenn es an den Schneematsch auf der Autobahn erinnert, ist es falsch. Die Dinger sind nämlich nur täuschend einfach. Und zu viel Aroma erinnert schnell an Wassereis.« Absolut silvestertauglich.

Brut-Schaumweine sind das Markenzeichen von Bouvet Ladubay, erzeugt wird natürlich nur nach traditioneller Flaschengärung. Die Trauben kommen ausschließlich aus dem Loiretal, etwa 100 Winzer bauen sie für das Traditionshaus an. Berühmt ist Bouvet Ladubay jedoch nicht nur für seine Crémants, sondern auch für das Haus an sich. Tausend Jahre alt und acht Kilometer lang sind die darunter liegenden Kellergänge, die sich mit einer geführten Fahrradtour stilvoll abradeln lassen. 

Fazit:

Eine Traumlocation mit viel Geschichte und Bubbles für Bustouristen zum Anfassen – die meisten Besucher haben sicher noch nie ein Rüttelpult gesehen – machen das Erfolgsrezept von Wackerbarth aus.


Infos zum Cap Classique

  • Jede in Südafrika zugelassene Rebsorte darf verwendet werden
  • Ganztraubenpressung wird empfohlen
  • Reine Flaschengärung
  • Ab Jahrgang 2021 12 Monate Reifung auf der Flasche (bislang 9 Monate)
  • Stellenbosch, Paarl und Robertson sind die wichtigsten Regionen
Artikel teilen:
Überzeugt? Dann holen Sie sich das HOGAPAGE Magazin nach Hause!