Das minimalistische Hotel
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Das minimalistische Hotel

von Petra Sodke
Samstag, 11.11.2017
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Er verspricht Erfolg, bedient er doch zentrale Bedürfnisse des modernen Gastes. Aber einfach ist diese »zelebrierte Einfachheit« nicht: Wer nicht aufpasst, bewirkt das Gegenteil und kippt mit seinen Bemühungen in Richtung steriles Krankenhausflair. HOGAPAGE hat das Rezept gesucht, wie die Kunst des »Weniger ist mehr« perfekt gelingen kann.

Vor zehn Jahren haben mich Bekannte als Spinner bezeichnet. Denn im Rahmen der Renovierung meines Traditionsbetriebs habe ich auf Minimalismus gesetzt, und den gab es damals in unserer Gegend noch nicht. Das könne nicht gut gehen, haben sie gemeint, nicht hier in den Bergen«, erinnert sich Walter Craffonara, Chef des Alpine Hotel Ciasa Lara in den italienischen Dolomiten (www.ciasalara.it). Urlauber seien das Urig-Gemütliche und Heimelig-Überladene gewohnt, so die Zweifler. »Ich aber wollte mehr Einfachheit im Haus. Ich war überzeugt, dass das gut ankommt. So habe ich Möbel reduziert, jedes Zimmer selbst umgestaltet, gerade Linien hineingebracht, runde Formen weggelassen. Das schafft Ruhe. Je mehr Bewegung im Zimmer, desto unruhiger wird der Mensch.« Außerdem spare Minimalismus Kosten, sagt er. »Eine aufwendig verzierte Zim­merdecke mag schön sein, ist aber pflegeintensiv, daher besser eine glatte Variante. Die Zeit kann ich statt fürs extra Putzen für Wichtigeres nutzen, etwa für Gespräche mit Gästen.« Craffonara sollte mit seiner Einschätzung Recht behalten. Seine Stammgäste loben bis heute das »außergewöhnliche Hotel mit modernem Design und familiärem Flair«, dessen Philosophie im ganzen Haus zu spüren sei (Tripadvisor).

Alpiner Minimalismus? Geht doch!

Minimalismus beschränkt sich längst nicht mehr auf schicke urbane Boutique-Hotels. Auch andere alpine Betriebe haben mittlerweile erkannt, dass dieses Konzept Zukunft hat und rüsten auf (bzw. ab), oft mit Design-Experten. Wie das Hotel Alpenhof im Salzburger Land (www.alpenhof.info). Inhaber Eugen Fischbacher: »Mit den Neuerungen reagieren wir auf die veränderten Bedürfnisse der Gäste. Der Trend in der österreichischen Hotellerie geht weg von schweren oder rustikalen Eichenholzmöbeln hin zu einer klaren Farben- und Formensprache.« Interior-Designer Thomas Lechner: »Die Herausforderung unseres Umbaus lag darin, trotz des modernen Designs den alpinen Charakter des Hotels zu erhalten. Daher setzten wir auf einheimische Materialien, allen voran Eiche und Naturstein, die zu warmen Natur- und Grautönen kombiniert werden.« (Siehe Kasten: So gelingt das Konzept.)

Purismus in Reinform

Nicht nur im alpinen und urbanen Bereich ist »Weniger ist mehr« angesagt, auch andere kleinere Beherbergungsbetriebe setzen auf diese Karte. Ein herausragendes Beispiel und eine Inspirationsquelle für angehende Puristen ist das Kirini Suites & Spa in der Ägäis (www.katikies.com/kirinisantorini). Bei den Condé Nast Traveller Readers Choice Awards 2016 unter den 50 besten Hotels weltweit und unter den zehn Besten in Griechenland und der Türkei gelistet, versteht man im 29-Zimmer-Betrieb unter der Ägide von Christina Vogli perfekt, wie man mit äußerst reduzierter, hochwertiger Ausstattung in harmonischer Abstimmung von Möbeln, Licht, Farben, Materialien und Bezug zu Land und Kultur ein stimmiges Minimalismus-Konzept realisiert.

Minimalismus ist auch Kunden-Philosophie

Minimalismus ist übrigens keine moderne Erfindung. Schon die alten Römer schätzten vor 2000 Jahren ein wohldosiertes Heim. Anfang des 20. Jahrhunderts entrümpelte der Architekt Ludwig Mies van der Rohe mit seinem Credo »Weniger ist mehr!« viele Häuser. In den 1970ern fiel die Luftigkeit Massiveinbauschränken, Möbelmassen und Staubfänger-Kitsch zum Opfer, bis die Schlichtheit spätestens ab den 1990ern mit der Loft-Kultur ­zurückkehrte. Heute sorgt Reduktion für einen Gegenpol zur täglichen Info-Zumüllung aus Internet & Co. Einfachheit und Überschaubarkeit werden zur geschätzten Besonderheit, wonach sich viele – auch Hotelgäste – sehnen. Denn die meisten wollen nicht mehr und noch mehr (an Dienstleistungen). Sie wollen sich einfach an einem Ort wohlfühlen, an dem man sich auf Weniges beschränkt, um den Wert von Dingen und Menschen/Gästen wieder mehr zu schätzen.

Neun Punkte: So gelingt das Minimalismus-Konzept

  1. Klare Form! Geradlinig, geometrisch, große Flächen, (in strenger Form) keine runden Elemente.
  2. Funktionalität vor Deko-Zweck! Alles, was nicht im Raum täglich genutzt oder benötigt wird, kommt weg.
  3. Ordnung! Keine offenen Ablagen. Akten, Utensilien, Bücher hinter blickdichten Türen: »unsichtbare« weiße Schrankwände, Sideboards (falls nicht möglich: nach Farbe sortieren).
  4. Persönlich! Einige wenige Stücke als Akzente, die Charakter, Persönlichkeit, Geschichte des Hauses/der Besitzer fühlbar machen (hochwertig, schnörkellos, kostspielig, exponiert platziert): Außergewöhnliche Skulpturen, Leuchten/Lampen, Schubladengriffe, Objekte in Chrom, Naturstein, Stahl in schlichter Ausführung, großformatige Bilder (kräftige Farben, edle Rahmen), schlichte Kuben, Pflanzen-Inszenierung (einfache, große Glasvasen), Orchideen, Bonsai (Ausdruck für Disziplin), Glas/Keramik (Klarheit).
  5. Möbel! Alles in Weiß oder in neutralen Farben. Einfarbig, formschlicht, leicht, hochwertiges Design/Material, Ledersessel, Fernseher an der Wand »schwebend« (ohne Regal/Schrankwand).
  6. Materialmix! Purismus trifft Tradition/Behaglichkeit: Heimische Naturmaterialien (z. B. Naturstein, helles Holz mit interessanter Maserung, Zirbenholz) und verschiedene Stoffe (dezentes Muster, Kunstfelle, Hochflor-Teppiche) als Gegenpol zu Kunststoff, Glas, Metall, Keramik, Stahl, Beton.
  7. Beleuchtung! Viel indirektes, wenig direktes Licht (vor ­allem in dunklen Ecken), ausdrucksstarke Leuchten, weiches statt grelles Licht, kleine Lampen/LED-Bänder als Akzente auf Anrichten, raumhohe Fenster, Pendel- und Einbauleuchten in Messing, Edelstahl (magische Effekte).
  8. Farbspiel! Einfaches Farbkonzept (Weiß als dominante Grundfarbe, Grau, Schwarz) plus unifarbene Akzente. Warme Natur- oder Grautöne an der Wand.
  9. Gäste! Minimalismus ist auch Kunden-Philosophie! Mehr Erfolg als die Konkurrenz hat, wer sich auf Wesentliches konzentriert. Dazu zählen vor allem die Gäste. Persönlich ansprechen, Beschwerden stets ernst nehmen, rasch und unbürokratisch entschädigen. Mitarbeiter schulen!

Der Original-Text aus dem Magazin wurde für die Online-Version evtl. gekürzt bzw. angepasst.

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